Von Waller Abendroth

Das viel bemühte Wort von der "Bewältigung der Vergangenheit" wird nicht immer von allen, die es im Munde führen, richtig verstanden. Allzuoft schaut dabei der Pferdefuß heraus, und dann scheint der Begriff "Bewältigung" einen gewissermaßen sportlichen Sinn anzunehmen. Die "Vergangenheit bewältigen" heißt dann etwa: dem Gewesenen unerschrocken ins Auge blicken ohne zu schaudern, ohne weich zu werden, ohne sich dadurch bei der Meisterung der Gegenwart beirren zu lassen.

Das ist die Position der sogenannten Lebenstüchtigkeit. Sie hat auch ein probates Mittel zur Hand, den Forderungen der Moral auf durchaus geschäftlich-korrekte Art gerecht zu werden, etwaige Anwandlungen von Schuldgefühl durch pünktliche Abzahlung in Selbstzufriedenheit zu verwandeln; das ist das Prinzip der "Wiedergutmachung".

Demgegenüber wäre zu wünschen, es möchte begriffen werden, daß es gewisse Dinge gibt, die absolut nicht "bewältigt" werden. können. Glaubt einer, mit ihnen "fertig geworden" zu sein, so ist er ihnen erst recht die "Bewältigung" schuldig geblieben. Die einzig mögliche Art, solche Dinge zu bewältigen, bleibt die: sich immer klarer darüber zu werden, daß sie nicht zu bewältigen sind, daß man niemals wird damit fertig werden können. Will sagen: "bewältigen" kann da nichts anderes bedeuten wollen, als sich von der Erinnerung immer aufs neue erschüttern zu lassen und die tragische geschichtliche Belastung, umzuwerten, immer von neuem umzuwerten in beständige Wachsamkeit.

Zu bequem, zu billig und zu falsch wird das "Wiedergutzumachende" der Vergangenheit als eine einmalige Absurdität, als ganz und gar nur das Werk einer Handvoll von Verbrechern mißdeutet, während es in Wahrheit der Ausbruch von Krankheitsstoffen war, die unserem gesamten Zeitalter innewohnen, die jederzeit in veränderter Form wieder wirksam werden können. Andernfalls hätte ja die Handvoll von Verbrechern nicht verflocht, ein ganzes Volk in Versuchung, in Schuld und Mitschuld zu führen.

Darum sollten wir unter keinen Umständen der Erinnerungsstützen überdrüssig werden, die uns Literatur und Theater immer wieder anbieten: jedenfalls sofern es sich dabei nicht um Erzeugnisse eines zynischen Konjunkturgeschäfts, sondern im Werke mit dem Anspruch auf dichterische und zugleich dokumentarische Gültigkeit handelt.

Ein solches Werk ist es, das jetzt als die wohl wichtigste Premiere der überaus lebhaft und bemerkenswert vielgestaltig angelaufenen Münchner Winterspielzeit im Residenztheater herauskam. Miliard Lampell hat nach John Herseys Roman "The Wall" ein Schauspiel geschrieben, ein gutes, echtes Theaterstück, nicht – wie es so häufig geschieht – einen szenischen Bilderbogen. Unter dem Titel "Die Mauer" erlebte es seine deutsche Erstaufführung.