Von Katharina E. Russell

Die Frau von 40 Jahren – nach heutigen Begriffen zwar nicht mehr jung, aber noch lange nicht passé – erlebt nun schon seit Jahren kein reines Vergnügen, wenn sie sich in in- und ausländischen Modezeitschriften vertieft. Will sie jetzt – wenigstens im Geiste – ihre Wintergarderobe zusammenstellen, so sieht sie den im wahren Sinne "atemberaubenden", hochansteigenden Miedergürtel der letzten Dior-Modelle oder auch das eingesetzte breite, enge Miederteil und immer noch die Kniefreiheit. Mehr als einmal hört man sie seufzen: all dies habe ja keinen Zweck, sobald die Taillenweite mehr als 55 Zentimeter mißt und der Brustkorb nicht von asthenischer Schmalheit ist. Da sind die Röckchen à la patineuse und die vielen anderen flatternden Rockstile, amüsant und beschwingt – aber nur dann effektvoll, wenn sie kurz und die dazugehörenden Beine und Knie formvollendet sind ...

Dann kommen die kurzen doppelreihigen Jäckchen mit allerlei angeschnittenem Schnickschnack wie Schals und Cape-Fragmenten, höchst malerisch – wenn die Oberpartie gestreckt und proportioniert genug ist, um nicht das Gesamtbild der Frau "breiter als lang" erscheinen zu lassen. Wir wollen gar nicht von den einärmeligen Mänteln reden, mit denen sich sicherlich witzige Bühneneffekte erzielen lassen – aber wo bleibt der Anzug für die Frauen, deren vital statistics peinlicherweise von 90–50–85 (Brustweite – Taille – Hüftweite in Zentimetern) auf 100–80–105 gestiegen sind? Im Jahre 1859 war die Taillennorm noch 35. Zentimeter.

Vielleicht sollten die Schneider und Modeverkäufer doch einmal überlegen, ob die mit großzügigern Umfang Gesegneten nicht auch ein "moralisches" beziehungsweise ästhetisches Recht darauf haben, die modischen Finessen der Haute Couture unverwässert für sich in Anspruch zu nehmen. Wenn wir in die nicht uninteressante Geschichte weiblicher Moden zurückblicken, zeigt es sich leider, daß der Modeschöpfer sich niemals an Fülle und Üppigkeit inspiriert hat. Früher einmal war die überschlanke Taille eine der erogenen Zonen, zu der man mit brutaler Gewalt gelangte – nicht ohne auf Lederstreifen, Eisenstangen und meterlange Schnüre zurückzugreifen, deren Manipulation eine Zofe von athletischer Kraft erforderte. Heute, wo Bikinis und St.-Trop-Hosen die fragile Barriere zwischen Kleid und Nacktkultur bilden, heißt die Parole "schlank von oben bis unten ..."

Daß der Schrei nach nymphenhafter Zerbrechlichkeit jedoch nicht eine Errungenschaft unseres Lolita- und Baby-Doll-Zeitalters ist, geht aus Aufzeichnungen hervor, die man in englischen und französischen Modegazetten schon vor mehr als 100 Jahren findet. "Eigentlich ist es merkwürdig schreibt ein Chronist im Jahre 1859, "daß man niemals in den Werken der Dichter irgendwelche Worte der Bewunderung für die Frau mit starker Taille findet... von Homer angefangen bis auf die Gegenwart. Komplimente und Lobeshymnen sind – wenn sie sich auf die Gestalt beziehen – stets den Schlanken vorbehalten: ‚schöne Figur‘ und ‚gute Gestalt‘ scheint stets identisch mit ‚schlank‘ zu sein... Es ist amüsant zu sehen", fährt er fort, "daß Männer, die sonst prinzipiell erklärte Gegner des Korsetts sind, eine maßlose Bewunderung an den Tag legen für ätherische Gestalten, die ja ohne einschnürende Hilfsmittel’ gar nicht existieren würden... ... Sie verlieren Kopf und Herz, ihre Philosophie geht zum Teufel, und was bleibt, ist die blinde Anbetung der grazilen Silhouette ..."

Ein Glück, daß es die Maler und Bildhauer gibt, die in der Mehrzahl üppigere Formen schützen.

Die unnatürlich schmale Taille von damals hat seit der "Befreiung" des Frauenkörpers aus den Panzern nach 1918 der Schlankheit von Kopf bis Fuß Platz gemacht. Die Rolle des Stangen-Korsetts hat nunmehr die Diät übernommen – manchmal sogar die Hungerkur. Wer aber das Wettrennen um die zerbrechliche Linie einer Sylphide nicht mitmachen will oder sich vergeblich damit abgemüht hat, braucht trotzdem nicht zu verzweifeln. Nicht etwa, daß man resigniert zu Hemdblusenkleidern und Zeltmänteln greifen muß, die modisch jenseits von Gut und Böse stehen ... Man braucht durchaus nicht auf das Mitschwimmen im Strom der Modetrends zu verzichten, aber man muß sich die Mühe nehmen zu suchen, bis das Richtige gefunden ist.