Haben die Sachverständigen wirklich eine "unangreifbare Machtstellung", wie man es nach dem Rohrbach-Verfahren las – oder gibt es vielmehr eine "richterliche Omnipotenz", wie sie im Anschluß an das Anastasia-Urteil kritisiert wurde? Das Gesetz hat die Verantwortungen klar bestimmt: "Über das Ergebnis der Beweisaufnahme entscheidet das Gericht nach seiner freien, aus dem Inbegriff der Verhandlung geschöpften Überzeugung" (Paragraph 261 der Strafprozeßordnung, entsprechendes gilt auch im Zivilprozeß.)

Der Richter ist nicht an irgendwelche "Beweisregeln" gebunden; er ist im Gegenteil sogar verpflichtet, sich auch in schwierigen Fachfragen ein eigenes Urteil zu bilden. "Er hat die Entscheidung auch über diese Fragen selbst zu erarbeiten, ihre Begründung selbst zu durchdenken." (Bundesgerichtshof.) Selbst die größten Kapazitäten müssen sich gefallen lassen, daß die Richter ihre Ausführungen für falsch halten.

Der Sachverständige soll also Gehilfe des Richters sein, nicht den Richter ersetzen. Er soll dem Richter das Spezialwissen vermitteln, das diesem fehlt, aber nicht selbst Recht sprechen.

Theoretisch ist das recht einfach – aber in der Praxis sieht es anders aus. Wissenschaftsaberglaube herrscht an vielen Gerichten. Die Scheu, das Gutachten eines Fachmannes anzuzweifeln, ist im Juriten besonders tief verwurzelt, da er doch von Beginn seiner Ausbildung an zur Genauigkeit erlogen wird und immer wieder lernt, daß es auf die Einzelheiten, die Besonderheiten des Falles inkommt, die das ungeübte Auge vielleicht gar nicht erkennen kann. Aber schon 1908 hat der Grazer Kriminalist Hans Groß bemerkt, daß feilere Methoden und größere Kenntnisse die Wahrleitsfindung nicht nur erleichtern, sondern auch komplizieren können: "Man vergesse nicht, daß trotz oder gerade wegen der großen Fortschritte der Wissenschaft heute weniger sicher behauptet wird als früher

Die Forderung des Bundesgerichtshofes, daß sich der Richter die Entscheidung stets selbst erarbeiten solle, bleibt meist ein frommer Wunsch. Das Karlsruher Gericht hat es selbst einmal ausgesprochen: "Es ist ein häufig vorkommender Verfahrensfehler, daß der Richter den Sachverständigen kurzerhand nach dem Ergebnis seiner Beurteilung fragt..."

Das geht dann etwa so vor sich, daß der Richter fragt: "Also, Herr Sachverständiger, halten Sie die Voraussetzungen des Paragraphen 51 für gegeben oder können Sie das mit Sicherheit ausschließen?" und das Ergebnis einfach ins Urteil schreibt. Dadurch ist dem Sachverständigen die Entscheidung über die Zurechnungsfähigkeit und damit über Schuld oder Nichtschuld überlassen.

Diese Praxis ist um so bedenklicher, als sich die Wissenschaftler keineswegs darüber einig sind, ob sie über die "psychologischen" Voraussetzungen des Paragraphen 51 etwas aussagen können. Eine große Gruppe meint, die Psychiatrie könne nur Auskunft geben über die "biologischen Voraussetzungen" – Geisteskrankheit, Bewußtseinsstörung, Schwachsinn –, und der Richter müsse wertend feststellen, ob die Tat dem Täter trotz seiner Bewußtseinsstörung oder Krankheit vorzuwerfen ist. "Wie der Richter dabei allerdings zu einem begründeten Urteil kommen soll, weiß ich nicht", sagte dieser Tage der Strafrechtsprofessor Eberhard Schmidt in einem Vortrag in Hamburg. Das Bestreben, die Entscheidung abzuwälzen, ist also ganz verständlich ...