Der SED-Chef hält die Zügel im Zonen-Regime fest in der Hand

Von Carola Stern

In der Zone bestimmen ja bloß die Russen!" – dieses bei uns beliebte Schlagwort enthält zwar eine halbe Wahrheit, aber es deutet doch zugleich auch auf eine erschreckend große Unkenntnis. Man kennt in politisch interessierten Kreisen die Männer um Kennedy, de Gaulle oder Chruschtschow; die Männer um Ulbricht kennt man nicht, und man glaubt, es sei auch gar nicht nötig, sie zu kennen.

Es ist keineswegs so, daß die Russen allein bestimmen. Der den europäischen Satelliten von Moskau zugestandene größere Spielraum wird von Ulbricht und seinen Leuten systematisch dazu benutzt, den Zonenstaat als eine der letzten Bastionen des Stalinismus zu erhalten. Seit Stalins Tod ist nicht mehr gleichgültig, wer in Budapest, in Warschau oder Ostberlin regiert. Moskau bestimmt zwar "die große Linie", aber das Tempo der Bolschewisierung in den einzelnen Ländern, das Maß des Terrors und der Zugeständnisse, mit einem Wort, die politische Atmosphäre, wird in den Hauptstädten der Ostblockstaaten bestimmt.

Das ist wirklich Grund genug, sich mit den Spitzenfunktionären der SED zu beschäftigen. Wer sind außer Ulbricht die wichtigsten Männer in der DDR? Wer kommt als möglicher Nachfolger des Parteichefs in Frage? Gibt es Anzeichen für eine neue Führungskrise?

Hohe Posten ohne Einfluß

Diejenigen Funktionäre, die einem der drei wichtigsten Gremien in der DDR – dem SED-Politbüro, dem Sekretariat des SED-Zentralkomitees und dem Staatsrat – angehören, seien, so möchte man meinen, die politisch maßgebenden Persönlichkeiten. Aber das trifft keineswegs zu. Die LPG-Bäuerin Irmgard Neumann ist zwar "Meister der Geflügelzucht", als Mitglied des Staatsrates ist sie nur eine Repräsentationsfigur, genauso wie etwa ihre männlichen Kollegen, der LPG-Vorsitzende Karl Rieke und der Bundaufzieher im Federnwerk Zwickau, Günther Christoph. Die Betriebsleiterin der Mühlhausener Bekleidungswerke, Luise Ermisch, gehört sogar dem SED-Politbüro und dem Staatsrat an. Aber auch ihr ist lediglich die Rolle zugedacht, in den Führungsgremien des "Arbeiter- und Bauernstaates" die sogenannte werktätige Bevölkerung zu repräsentieren. Ihr Einfluß entspricht ungefähr dem Einfluß der Bevölkerung – sie hat keinen.