Von Thilo Koch

Es gibt drei Möglichkeiten. Erstens: die Mode wird von Textilkaufleuten gemacht. Zweitens: die Mode ist etwas Irrationales, was sich näherer Erklärung entzieht wie das Wetter. Drittens: die Mode ist Ausdruck bestimmter Triebkräfte im Individuum wie in der Gesellschaft.

Nur wenn wir die dritte Möglichkeit gelten lassen, ist eine Philosophie der Mode denkbar. In uns ringen zwei einander widerstrebende Neigungen miteinander. Einerseits möchten wir im allgemeinen, in der Gruppe, untertauchen; andererseits wollen wir uns als Persönlichkeit von der Gruppe unterscheiden. Bindung an die Gruppe, Freiheit von der Gruppe – beides möchten wir verwirklichen, obwohl eines das andere doch auszuschließen scheint.

Es gibt eine Lösung. Schlage ich mich als einzelner zu der kleinen Gruppe, die sich durch bestimmte Eigenschaften von der Masse der Menschen unterscheidet, kann ich beide Neigungen zugleich befriedigen. Einmal bleibe ich kein Einzelgänger, sondern nehme teil an den Freuden der Geselligkeit; zum anderen unterscheide ich mich als Mitglied einer kleinen Gruppe, eines begrenzten Kollektivs, von den vielen anderen, die nicht zu meiner exklusiven Gruppe gehören.

Die Mode hat die Aufgabe eines Bilderrahmens. Stehe ich als ein mit der Mode gehender Mensch in diesem Rahmen, habe ich davon das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer kleinen Gruppe von Leuten, die die Mode durchsetzen. Richte ich meinen Blick aber über den Rahmen hinaus nach außen, oder werde ich umgekehrt von außen gesehen, so unterscheide ich mich auffallend von den viel zuvielen, die nicht oder nicht schnell genug der Mode gehorchen.

Sich angleichen und sich gleichzeitig abheben – das ist der paradoxe Doppelzweck, den die Mode erreichen will. Ihre mannigfaltigen Wandlungen zeigen viel Willkür. Sie selbst, als eine Bewegung, die der Zeitgeist vorschreibt, ist eine gesetzmäßige Erscheinung. Daß sie viele Nebenzwecke hat, versteht sich von selbst. So dient sie beiläufig dem rationalen Gewinnstreben einer ganzen Industrie und dem so irrationalen Geschäft! erotischer Bezüglichkeiten.

Des Pudels Kern mag schließlich sein, daß die Mode uns erlaubt, untreu zu sein: im Namen der geheiligten Grundsätze von heute gegen die ehemals nicht weniger heiligen Grundsätze von gestern.