London, im November

Der freundschaftliche, ja herzliche Empfang, der Königin Elizabeth II. in Ghana bereitet wurde, hat die skeptischen Gefühle, die man in England Nkrumah entgegenbringt, etwas gedämpft. Aber auch in Ghana haben sich offenbar die Wogen geglättet. Die "Evening News" in Accra apostrophierte Elizabeth II. als "wahrhaft sozialistische Königin" – ein rührendes Mißverständnis.

Ghana – das ist für die meisten Engländer ein "Dollpunkt": Sie reagieren höchst empfindlich auf alles, was dort geschieht. Dieses Unbehagen wird genährt durch kritische, oft feindselige Berichte, die sich in fast allen englischen Zeitungen finden. Da wird Nkrumah mit Hitler oder Stalin verglichen, da werden Karikaturen veröffentlicht, deren einziger Witz darin besteht, daß der Präsident von Ghana ein Schwarzer ist. Die englische Öffentlichkeit freilich weiß nicht, daß solche Artikel die Antwort auf Verdächtigungen und Schmähungen sind, die in der ghanesischen Presse veröffentlicht werden.

Das Unbehagen aber wird ausgenutzt von Leuten wie Sir Roy Welensky, dem Premier der zentralafrikanischen Föderation. Auf einem Bankett in London erklärte er letzte Woche vor Industriellen, Ghana sei auf dem besten Wege zu einer marxistischen Diktatur, wolle sich so schnell wie möglich dem Sowjetblock anschließen und bedrohe Sicherheit und Frieden in Afrika.

So übertrieben diese Berichte über Ghana sind, sie haben doch einen Kern von Wahrheit. Tatsache ist, daß die Opposition in Ghana durch Terror abgewürgt worden ist. Die Führer der Oppositionspartei, der United Party, sitzen fast alle im Gefängnis, und sogar Mitglieder von Nkrumahs eigener Partei – der Convention Peoples Party – fühlen sich im Versteck am sichersten. Nkrumah hat in seiner Rede am 19. Juni 1958 eine Politik des "demokratischen Zentralismus" angekündigt und seine Partei mit dem Staat identifiziert.

Wen kann es da wundern, daß eine solche Politik in London als Undankbarkeit ausgelegt wird – als Undankbarkeit gegenüber einem Land, das Ghana mit demokratischen Institutionen nach Westminster-Muster liebevoll ausgestattet hatte; und es ist auch kaum erstaunlich, daß diese Politik als Annäherung zum Kommunismus interpretiert wird. Um so mehr, wenn Meldungen kommen wie diese: "Ghana hat Flugzeuge in Moskau gekauft" – "Ghana will seine Kadetten in der Sowjetunion ausbilden" – "In Ghana wimmelt es von Technikern aus dem Ostblock."

Es ist nur zu verständlich, wenn sich die Engländer über die Behandlung der britischen Angestellten der Regierung von Accra ärgern. Es ist auch zu begreifen, daß sie empört sind über die beleidigende Art, in der General Alexander von seinem Posten als Oberkommandierender der ghanesischen Armee entfernt wurde. Es mußte so aussehen, als ob Nkrumahs hitzköpfige junge Garde Alexanders Entlassung nur deshalb durchgesetzt hatte, weil er ein Weißer war. In Wirklichkeit scheinen andere Gründe bei der Entlassung des Generals ausschlaggebend gewesen zu sein: Nkrumah will die Armee gegen politische Gegner und Gewerkschaften einsetzen, und das hätte Alexander, der im übrigen ein persönlicher Freund des Staatschefs ist, in eine schiefe Situation gebracht.