Die Vereinigten Staaten verfügen über .176 feuerbereite Lang- und Mittelstreckenraketen, die Atomsprengköpfe in die Sowjetunion befördern können. Diese eindrucksvolle Zahl errechnete das amerikanische Kongreßmitglied James B. van Zandt, nachdem er zwei Wochen lang die wichtigsten amerikanischen Militärbasen inspiziert hatte. Die Feuerkraft sei überdies noch steigerungsfähig: andere Raketen – über die Zahl schwieg sich van Zandt aus – könnten binnen kurzer Zeit ebenfalls abschußfertig gemacht werden. Auf jeden Fall aber, so meinte der Abgeordnete, sei die Raketenstreitmacht der Sowjets weit geringer.

Van Zandt steht mit dieser optimistischen Einschätzung der amerikanischen Stärke nicht allein. US-Verteidigungsminister McNamara erklärte letzte Woche: „Wir sind der Sowjetunion überlegen“, und Präsident Kennedy sagte vor vierzehn Tagen das gleiche mit anderen Worten: „Was die militärische Gesamtstärke angeht, so würden die USA mit keiner Nation tauschen“.

Nun ist „militärische Gesamtstärke“ freilich eine vage Formel (die ja auf jeden Fall auch die Bomber des Strategie Air Command einschließt), und sicher sind auch die lauten Bekundungen der eigenen Stärke zu einem guten Teil nur die Antwort auf das sowjetische Säbelgerassel. Immerhin bleibt die Tatsache, daß sich die Amerikaner erstaunlich selbstsicher geben. Erstaunlich, deshalb, weil die Spanne 1960 bis 1963 als die Jahre der „Raketenlücke“ vorausgesagt waren. Jahre, vor denen Kennedy im August 1958 – damals noch Senator von Massachusetts – eindringlich gewarnt hatte: „Unsere eigene offensive und defensive Raketenstreitmacht wird dann so weit hinter der sowjetischen nachhinken, daß wir uns in einer gefährlichen Lage befinden werden“.

Raketenlücke – dieser Begriff war das Symbol für die Angst vor jener Zeit, da der Westen, militärisch unterlegen, den politischen Erpressungen der Sowjets hilflos ausgeliefert sein würde. Im Jahr 1963 vielleicht, so hieß es damals, könnten die USA die Lücke gefüllt, das Gleichgewicht des Schreckens wiederhergestellt haben.

Und jetzt – im Herbst des Jahres 1961 – lautet der Stand des Raketenwettlaufes nach amerikanischen Angaben so: Die Sowjetunion verfügt über 35 bis 50 Interkontinentalraketen, in deren Reichweite die USA liegen; die Amerikaner über 45 (18 weitere werden gegen Jahresende einsatzbereit sein). Nicht mitgezählt sind dabei die 96 amerikanischen U-Boot-Raketen vom Typ Polaris und die sowjetischen U-Boot-Raketen, über die man nichts Genaueres weiß. Nicht mitgezählt sind ferner die Mittelstreckenraketen, die von festen Basen aus abgeschossen werden.

Bei einem sowjetischen Überraschungsangriff würde mit Sicherheit ein Teil der amerikanischen Basen zerstört werden, aber offenbar reicht die sowjetische Feuerkraft noch nicht aus, um alle Basen für Raketen und für das strategische Bomberkommando zu vernichten. Die USA wären also fähig zum Gegenschlag.

Wie aber konnte es geschehen, daß der Westen die sowjetische Raketenentwicklung falsch eingeschätzt hatte? Hatte der amerikanische Nachrichtendienst versagt?