In der DDR gibt es einen zweiunddreißig Jahre alten Dramatiker namens Manfred Richter. Er hat von 1956 bis 1959 das Leipziger Institut für Literatur besucht, eine staatliche Schriftstellerschule, deren Hauptzweck die "ideologische Durchblutung" (Alfred Kurella) junger, parteiergebener Autoren ist. Die ersten Stücke Richters spielen entweder in der weiteren Vergangenheit oder zumindest in einem fernen Land. Sein neues Schauspiel ("Der Tag ist nicht zu Ende") behandelt hingegen ein DDR-Thema.

Im Mittelpunkt steht der wohlhabende Wirkwarenfabrikant Schmitt, der – "geistig und weltanschaulich im Gestern lebend" – darunter leidet, daß seine Frau Gerda, eine Malerin, "aus ihrem bürgerlichen Milieu zur Arbeiterklasse findet". Auf dem Ehekonflikt ist das ganze Stück aufgebaut. Denn: "der immer klareren, immer bewußteren Entwicklung Gerdas" steht "eine immer hoffnungslosere Verhärtung und reaktionäre Blindheit ihres Mannes gegenüber". Es endet damit, daß die fortschrittliche Malerin sich von dem reaktionären Gatten trennt.

Man kann nicht klagen: eine übersichtliche und klare Fabel. Und auch ideologisch durchaus auf der Höhe: Es wird, wie es sich für ein Werk des sozialistischen Realismus schickt, der Kampf des Neuen mit dem Alten gezeigt. Und es siegt, wer siegen muß. Dennoch war die Partei mit dem Ende keineswegs zufrieden – eben aus ideologischen Gründen. Die Ostberliner "Neue Deutsche Literatur" faßt in ihrem Novemberheft die Vorwürfe zusammen, die gegen Richter erhoben wurden:

"Man hielt dem Autor entgegen, er stelle sich damit in einen Gegensatz zu dem Prinzip der politisch-moralischen Einheit der Bevölkerung unserer Republik. Das Scheitern von Schmitts Ehe könne so ausgelegt werden, als würden die Perspektiven des mittelständischen Bürgertums in unserem Staat geleugnet. Überspitzt gesprochen: Die Arbeiterklasse macht einem im Rahmen der Gesetze und des Plans arbeitenden Privatunternehmer nicht seine Frau abspenstig. Dramaturgisch gesprochen: Ehemann Schmitt darf, obwohl er sich das ganze Stück hindurch außer als verbohrter Reaktionär auch als Zerstörer des eigenen häuslichen Glücks erwiesen hat, am Schluß keinesfalls vor den Scherben dieses Glücks stehen. Seine Frau muß zu ihm zurückkehren."

Richter wollte sein Stück auf der Bühne sehen, also schrieb er den Schluß, den man von ihm verlangte. In dieser Fassung wurde das Schauspiel vom Weimarer Nationaltheater uraufgeführt.

Nun hat aber Henryk Keisch in der "Neuen Deutschen Literatur" plötzlich entdeckt, daß eben das gegenwärtige Ende ideologisch untragbar sei, während der ursprüngliche Schluß richtig war: "Jene Niederlage im Privaten symbolisierte die Ausweglosigkeit von Schmitts Haltung im Gesellschaftlichen." Er meint, man habe dem Autor "mit einer notdürftig geflickten Ehe ein dramaturgisches Kuckucksei ins Nest geschoben. Es ist noch nicht entschieden, welcher Ausgang der Handlung vom Standpunkt der Partei zu befürworten sei – die Scheidung oder die notdürftig geflickte Ehe.

Um "ideologische Durchblutung" ist auch der Marxist Hans Koch bemüht, der sich in der "Neuen Deutschen Literatur" mit dem Problem der Liebe in der Literatur befaßt. Der Angriff ist gegen die "spätbürgerliche Dekadenz" gerichtet, die den Menschen "zum biologischen Monstrum oder gar zum Konglomerat molekularer Strukturen der Materie" degradiere. Das Überwuchern sexueller Theorien und sexueller Probleme in dieser Literatur entspringe oftmals "einem ganz persönlichen Bedürfnis, das eigene anormale und hypertrophische Sexualleben vor der bürgerlichen Moral zu rechtfertigen".