Von Hans-Werner Richter

Nachfolgender Brief von Hans-Werner Richter – bisher letztes Glied einer Korrespondenz, in deren Verlauf der sowjetische Ministerpräsident seinem Briefpartner übrigens versprochen hatte, die Sowjetunion werde keinesfalls als erster Kernwaffenversuche wiederaufnehmen – wird hier zum erstenmal veröffentlicht. Er erscheint Anfang Dezember, im Rahmen einer von Hans-Werner Richter herausgegebenen Dokumentation "Die Mauer, oder: der 13. August", im Rowohlt Verlag.

München, den 7. September 1961

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,

angesichts der ernsten und für den Weltfrieden äußerst bedrohlichen Situation in unserem Land wende ich mich mit diesem Brief an Sie, um auf Gefahren hinzuweisen, die durch die willkürliche Gewaltanwendung des Vorsitzenden des Staatsrats der Deutschen Demokratischen Republik, Walter Ulbricht, dem Sie bedauerlicherweise Ihre Unterstützung geliehen haben, entstanden sind. Sie haben vor zwei Jahren mit mir in meiner damaligen Eigenschaft als Präsident der europäischen Föderation gegen Atomrüstung einige Briefe gewechselt, in denen wir uns einig waren, daß jede weitere Atomrüstung den Weltfrieden gefährdet und zur Katastrophe führen kann. Dieser Briefwechsel gibt mir heute die Legitimation, mich erneut an Sie im Namen meiner Freunde zu wenden. Diese deutschen Schriftsteller und Intellektuellen waren wie ich Gegner der atomaren Bewaffnung der Bundeswehr und jeder reaktionären und nationalistischen Entwicklung in Deutschland, und wir sind es gemeinsam noch heute. Sie sind wie ich Gegner jeder Gewalt, die den Frieden gefährden kann, und wir sind deshalb überzeugt, daß Sie unseren Stimmen gegen jene Gewaltanwendung Gehör schenken, die in diesen Tagen nicht von der Regierung der Bundesrepublik, sondern von den verantwortlichen Leitern der DDR, vornehmlich dem Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht, ausgeht. Seine Methoden sowohl der inneren Staats- und Wirtschaftsführung wie der äußeren Politik diskreditieren nicht nur das Ansehen der Sowjetunion in hohem Maße, sie bringen die Idee des Sozialismus in Mißkredit, machen die Friedensproklamationen sozialistischer Staaten unglaubwürdig und leisten in Deutschland jenen Kräften Vorschub, denen an einer chauvinistischen oder faschistischen Entwicklung in unserem Land gelegen ist. Sie erschweren unsere Auseinandersetzung mit diesen Kräften, ja lähmen sie und wirken sich zum unermeßlichen Schaden jener politischen Gruppen aus, denen die demokratische Entwicklung unseres Volkes am Herzen liegt und die ein friedliches Mit- und Nebeneinander mit dem russischen Volk und dem Staat der Sowjetunion immer befürwortet haben.

Wir klagen deshalb Walter Ulbricht und seine Gruppe folgender Verstöße gegen die Menschenrechte, die Grundsätze des Sozialismus und die Idee des Friedens an.

1. Verletzung der Menschenrechte: Walter Ulbricht hat durch seine Unfähigkeit eine Situation heraufbeschworen, aus der er keinen anderen Ausweg wußte als rigorose Absperrungsmaßnahmen mit Panzer-, Infanterie- und Polizeieinheiten. Damit hat er nicht nur gegen das Recht eines jeden Menschen verstoßen, sich seinen Wohnsitz zu wählen, wo er will, sondern auch gegen jenes Völkerrecht, das verbietet, ein Volk nach Willkür irgendeines Staatsmannes zu teilen, diese Teile voneinander abzusperren und ihr friedliches Zusammenleben zu unterbinden. Die Massenflucht aus seinem Teilstaat war nicht eine Folge der Tätigkeit von Abwerbern, Kopfjägern, Divergenten, wie es in der Presse der SED heißt; sie war vielmehr eine Folge der gewaltsamen und grausamen Methoden dieses Mannes und seiner Unfähigkeit als Staatsmann.