Rechnet man die deutsche Nachkriegsmisere hinzu, während der sich der teutonische Süd-Hunger noch mit den bayrischen Seen oder – für ganz Begünstigte – mit der Schweiz bescheiden mußte, so war der Graben, der vorher diese Existenz politisch vom Vaterland trennte, noch um ein Zeitliches – fast ein Jahrzehnt – verbreitert. Von nächsten Freunden und direkten Nachbarn abgesehen – etwa den Schriftstellern Stefan Andres und Armin T. Wegner, den Malern Karli Sohn-Rethel und Bruno Marquardt –, gab es für lange Jahre nur spärlich Umgang in deutscher Zunge, und deutsche Bildkäufer kaum.

Dafür kamen Engländer, Amerikaner, Australier, Südafrikaner – das Adressenbuch des Verunglückten knotet die menschlichen Fäden, mit denen dieses durch äußeres Handikap so beschränkte, aber durch Humor und Selbstironie, Humanität und geselliges Temperament reiche Leben mit der weiten Welt verbunden blieb. Fast alle, die öfter in sein Haus kamen, wurden ihm Freund, vielleicht nicht immer in der sparsamen Ausschließlichkeit dieses Begriffs, aber doch im Sinne einer heiteren oder gelegentlich auch tieferen Kameraderie, wie sie etwa in der Beziehung des 1957 verstorbenen blinden Dichters von Hatzfeld zu dem gelähmten Maler Craemer wirksam: gewesen sein mag.

Immer stand der in diesem gesegneten Lande so preiswerte Wein auf dem Steintisch der Terrasse, die an Sommer- und Herbstabenden oft von Gelächter und Witz, Heiterkeit und zuweilen auch Trunkenheit illuminiert war. Die Sprachen überkreuzten sich; der eine ging – der andere kam; eine wunderbare Geselligkeit sammelte sich um den Mann im Rollstuhl, der in den drei, vier großen Sprachen, die die Welt heute spricht, längst heimisch geworden war, witzig formulierte, amüsant Geschichten und Anekdoten erzählte und – ohne es im geringsten darauf anzulegen – der heimliche Mittelpunkt war, das Medium der Übereinkunft.

So jedenfalls war es, als ich ihn vor vier Jahren kennenlernte, und so war es wohl auch vorher gewesen; erst in den letzten zwei Jahren wurde es ruhiger auf der Terrasse, im umgekehrten Verhältnis etwa zu dem anwachsenden Touristenlärm im Ort.

Freunde und Nachbarn verließen Positano – Arnold und Wily Keyserling wagten den Sprung nach Indien, Irene Kovaliska und ihr Mann, Armin T. Wegner, verzogen nach Rom. Freunde starben oder verunglückten – wie Heinrich von Bayern, der, ein Freund Craemers und seiner Mutter seit 1935, fast in jedem Jahr einmal in Positano auftauchte.

Gustaf Gründgens ging zwar nach Sant’Agatha oder Sorrent, aber jeden Tag kam er zu Besuch oder zu gemeinsamer Ausfahrt. Hans Mardersteig, der große Drucker aus Verona, hatte Freundschaft mit Craemer geschlossen und ihm die Illustrierung erlesener Drucke anvertraut: für den Amerikanischen Buchklub „The last days of Pompei“ von Lord Litton; für Mondadori die „Vita der campi“ von Verga; für die Maximilian-Gesellschaft „Das Gastmahl des Trimalcion“ von Petronius (deutsch von Heinse) und für Sanzoni die lateinisch-italienische Ausgabe der Horaz-Gedichte. Noch einmal besuchte ihn der gealterte, vom nahen Tode gezeichnete Gilles, einige Male der in Neapel wohnende Hans Werner Henze.

Aber, unmerklich fast, war da ein Tempowechsel in der Sonate dieses Lebens spürbar: dem Allegro folgte ein Andante moderato. Der stets braungebrannte kräftige Faun fiel durch unzeitgemäße Mäßigung auf; er trank nicht mehr und enthielt sich gewisser Speisen; er magerte ab. Da er, der stets „Kranke“, nie von seinem Leiden redete, schien gar nicht zu ersehen, wozu die unerwartete Askese dienen sollte. Und schließlich – die kranke Leber war wieder gesund – schien alles Spuk gewesen zu sein: er festete wieder, rauchte wie stets, Daß alles; das kleine Auto, das er sich gekauft hatte, gab ihm eine fast schon aufgegebene Dimension des Daseins wieder und machte ihn beweglicher.