34000 Jugendliche leben in Heimen – mit und ohne Mauer

Von Heinz Stackmann

In der dicken, fünf Meter hohen Mauer ist ein eisernes Tor. Ein Mann mit großem Schlüsselbund geht darauf zu und öffnet. Von der nahen Kirche läutet die Mittagsglocke. In kurzen Kolonnen marschieren sie heran: Fürsorge-Zöglinge im grauen Drillichzeug. Sie kommen von der Arbei: und "rücken ein" – wie es im Hausjargon heißt Sie rücken ein in den Dansweiler Hof, das Landeserziehungsheim.

Im harten Schritt marschieren sie bis zur Mitte des Hofes und machen – sobald die letzte Kolonne heran ist – eine Linkswendung. "Aufschließen ruft der Erzieher. Er steht auf der Treppe, die zum Eingang führt. Neben ihn dampfen die Kübel mit dem Mittagessen. Der Erzieher ruft: "Umtreten!" Die Arbeitsgruppen lösen sich auf.

Neue Kolonnen ordnen sich – die Freizeitgruppen. Die "Arbeitserzieher" übergeben ihre Zöglinge an die "Freizeiterzieher". Während die Erzieher abzählen, blicken die Jungen schweigend umher: Auf das graue Haus mit den vergitterten Fenstern, die hohe Mauer rechts und das schmiedeeiserne Tor links, das nun wieder verschlossen ist.

"Einrücken", kommandiert der auf der Treppe. Im Gleichschritt, immer noch schweigend, marschieren die Gruppen dem Eingang zu. Auf der Treppe nimmt jede die ihr zustehenden Kübel auf. Dann ist der Hof wieder leer. Drinnen hört man die schweren Schlüsselbunde rasseln und die Riegel klirren.

Die Szenerie ist mir nicht unbekannt. Ich kenne sie aus irgendeinem Gefängnis.