Diese Tage einer erregten Weltpolitik sind tieferen Absichten zu stiller Besinnung durchaus abhold. Berlin ist heute gewiß eine gute Schlagzeile – aber kaum für die ziemlich reizlose Nachricht, daß dort vor nunmehr 60 Jahren ein Obersekundaner namens Karl Fischer am Steglitzer Gymnasium den "Wandervogel" gründete; paradoxerweise nach bürgerlicher Rechtsform als Verein, der allem Bürgerlichen den Kampf ansagte.

Die "Letzten der ersten" vom "Wandervogel" fanden sich trotz aller widrigen Zeitläufte vor wenigen Tagen in Steglitz zum Gedenken an das Jubiläum ein, und sie durften mit gedämpftem Stolz feststellen, daß die Geschichte ihres Vereins zu gutem Teil zur allgemeinen Geschichte unserer Zeit gehört.

Dabei hatte es so harmlos angefangen: Karl Fischer und einige Freunde zogen mit Ziehharmonika und Botanisiertrommel zur Stadt hinaus, um – 150 Jahre nach Rousseau und 100 Jahre nach der Romantik – den europäischen Wilden zu spielen, ohne Führung durch Eltern und Lehrer in die Natur zu wandern in freiem, absichtslosem Fürsichsein der Jugend. Der Beginn, dieser Wanderungen wurde zum Aufbruch in eine neue Zeit. Philosophische Schlagworte stellten sich bei der beginnenden Jugendbewegung ein: eigene Bestimmung und Verantwortung, innere Wahrhaftigkeit, innere Freiheit, Abkehr von der Gesellschaft, Gemeinsamkeit im geschlossenen Kreis der Auserwählten...

Das Jubiläum ist naher Anlaß zum Vergleich zwischen jener Jugend des ersten "Wandervogels" und den jungen Menschen in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Die "Teens", "Twens", "Jazzfans" oder "Anhalter", wie die Gruppenbezeichnungen heute lauten, sind nicht revolutionär und haben jene hohen Worte nicht. Hat sich der "Wandervogel" nicht durchgesetzt? Für die Politik aus seiner Schwärmerei heraus verdorben, mit dem düsteren Heldenmal Langemarck behaftet – so genießt er heute wenig Repräsentanz bei der skeptischen jungen Generation. Längst hat die Jugend ihren Platz und auch ihre Proteste innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft wiedergefunden, die ihr mehr Freiheit bietet, als die ersten Jugendbewegten einst zu begehren wagten. Nur die Freiheit von den "Lasten" der Zivilisation – das Signal Karl Fischers – wird zwar vielfach gewünscht, doch wenig angestrebt.

Und eben drum ist die Arbeit jener, deren "Wandervogel"-Geist ihr Lebenswerk prägte, auch heute noch von guter Bedeutung: In den Schulen, in den Zeitungen, im Verlagswesen und im Kunstgewerbe wirken sie und mit Einzelleistungen, die heute vielen Jungen das Wiederfinden im Jungsein erst ermöglichen: Hans Breuers millionenfach verlegtes Volksliederbuch "Zupfgeigenhansl", Knud Ahlborns Sozialwerk Klappholtal auf Sylt, Münckers und Schirrmanns Jugendherbergswerk, Burghart Schomburgs Wanderwerk, Fritz Jodes Lied- und Singekunst, Harlans und Duis’ Hausmusiken und vielleicht gar der naturnahe Autobahn-, Wasser- und Straßenbau von Alwin Seiffert.

Der "Wandervogel" von Anno 1901 hat in den Chroniken der jüngsten Geschichte einen Platz zur Dauerrast gefunden, doch auf leisen Sohlen beginnt die Wanderung wieder – so möchte man hoffen. o. f.