"...und dennoch leben sie" (Italien, Verleih: MGM): Um dem Krieg zu entgehen, flieht die schöne junge Witwe Cesira (Sofia Loren) mit ihrer Tochter Rosetta aus Rom in ihr abgelegenes Heimatdorf in der Ciociara. Doch der Krieg macht auch vor dem einsamen Bergnest nicht halt. Cesira und Rosetta sind hier den gleichen Ängsten ausgesetzt, vor denen sie aus der Stadt flohen. Glauben sie mit dem Einzug der Siegermächte endlich aufatmen zu dürfen, so wird ihnen erst jetzt das volle Maß des Leidens zuteil. Mutter und Tochter werden von durchziehenden Marokkanern vergewaltigt. "Der größte Film der Loren ist zum kleinsten Film de Sicas geworden", schreibt die Schweizer "Tat". Damit ist das Unbehagen an diesem Werk präzis formuliert. Denn nicht de Sicas Versuch, den Neorealismus der ersten Anfänge wiederzufinden, macht seinen Film peinlich, sondern die Art, wie er Frau Loren das im Grunde legitime Thema bravourös an die Wand spielen läßt. Darf man dank Zavattinis Buch anfänglich noch hoffen, hier werde das Porträt einer unpolitischen Kleinbürgerin entwickelt, für die der Krieg nicht mehr als eine vorübergehende Belästigung ist und eine Schmälerung ihres Broterwerbs, so belehrt de Sica sein Publikum gegen Ende keineswegs mehr, wie unbelehrbar diese Frau sei, sondern stattet sie mit all jener undistanzierten Sympathie aus, die den unbedarften Kinogänger zum Weinen bringt ob des Leids, das dieser Frau widerfährt.

"Das Testament des Orpheus" (Frankreich, Pallas-Verleih): Dies soll nach dem Willen des Autors, Regisseurs und Darstellers Jean Cocteau, sein Vermächtnis und der Schlüssel zu seinem Werk und Leben sein. Doch hat Monsieur Cocteau diesen Schlüssel ganz offenbar bereits vor Drehbeginn verkramt. Er apostrophiert seinen Film als "ein Zeugnis für jenen irrealen Realismus, der einst als Merkmal unserer Epoche gelten wird." Es hilft ihm nichts. Die fragmentarische Parade seiner Werke und Freunde bleibt lediglich eine Selbstbefriedigung. Diese filmgewordene Alterserscheinung ist alles andere als Träger eines Undeutbaren, ist vielmehr der schalgewordene durchschaubare Endspiel-Trick eines Mannes, der niemanden mehr narrt denn sich selbst. Le sang d’un poète – es fließt nicht mehr. rpk

"Sein Name war Parrish" (USA; Verleih: Warner): Die wirtschaftliche Rivalität zweier Tabakgroßpflanzer stilisiert Autor, Regisseur und Produzent Delmer Daves zu einem amerikanischen "Mythos". Bis zum Schluß schwankt der Film zwischen: der Bewunderung vor dem Selfmademan und dem Abscheu vor seinen Methoden. Aber so verbrecherisch diese Methoden auch sein mögen, nie wird das Gesetz zu Hilfe gerufen: echte Amerikaner kämpfen Mann gegen Mann. Western-Regisseur Daves versucht, den einsamen Helden der Cowboy-Filme in die Darstellung modernen Wirtschaftslebens herüberzuretten – er übersieht, daß Machtkämpfe heutzutage subtiler ausgetragen werden. Man übertritt die Gesetze nicht mehr, man benutzt sie. Den Hintergrund der Handlung bilden nymphomane Pflanzerinnen, dampfende Felder und eine Prise Naturphilosopie ("Pflanzen sind wie Babys..."). Auch Amerika hat seine Blut-und-Boden-Kunst. til

"Asche und Diamant" (Polen; Verleih: Neue Filmkunst): Mit diesem Film erreicht uns, drei Jahre nach seiner Entstehung, das lebendigste Zeugnis der inneren Spannung, die die polnische Jugend zum mindesten seit dem "Warschauer Oktober" 1956 erfüllt. Andrzej Wajda ist besessen von den Widersprüchen, die die polnische Seele erfüllen. Der heftige visuelle Duktus des Films ist der Ausdruck dieser Obsession. Wajdas dritter Film (man sah hier auch den zweiten, "Kanal") führt in die letzten Tage des Zweiten Weltkrieges, als die eben etablierte Autorität der kommunistischen Partei noch bekämpft wurde von nationalistischen Widerstandsgruppen. Einer solchen gehört der junge Held an, der seinen Auftrag, den örtlichen Parteichef zu ermorden, noch ausführt, als er bereits nicht mehr an den Sinn seiner Sache glaubt, und ein unsinniges Ende findet. Nicht nur die anachronistische Sonnenbrille des Helden deutet darauf hin, daß es Wajda nicht um historische Reminiszenzen ging. Die Frage bleibt unbeantwortet bis auf den heutigen Tag: "Ob du frei wirst, oder ob alles, was dein ist, untergeht oder ob unter der Asche ein Diamant zurückbleibt – der Morgen des ewigen Sieges." pat