Von Indro Montanelli

Es muß während des Ersten Weltkrieges gewesen sein, als ich das Wort "Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen" zum erstenmal hörte. Mein Onkel hatte von der Front seinen neapolitanischen Burschen, Ciccillo, auf Urlaub mitgebracht, und dieser hatte ihn eines Tages gefragt: "Signor Capitano, was bedeutet ‚obiezione di coscienza‘?" Und das ungewohnte Wort wurde von ihm ziemlich mißhandelt. Mein Onkel versuchte es ihm schlecht und recht zu erklären. Ciccillo dachte lange darüber nach und meinte dann: "Wenn also ich oder ein anderer armer Teufel nicht in den Krieg ziehen will, dann sind wir Deserteure und werden erschossen, wenn aber der Sohn eines Generals eine ‚obiezione‘ (Einwand). macht, dann bekommt er einen Preis."

Wahrscheinlich würde in Italien in der Praxis eine "Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen" – gesetzt den Fall, sie wäre sanktioniert – ungefähr so aussehen, wie Ciccillo sie definiert hatte. Doch ist das kein ausschlaggebender Grund, daß ein Film, der dieses Problem sachlich und mit großem Ernst behandelt, verboten wird. Das heißt ... es "wäre" kein ausschlaggebender Grund. Aber leider sind die hohen Zensoren unseres Landes ihrerseits lauter "Ciccillos", für die es unvorstellbar ist, daß auch in Kriegszeiten ein Gewissen existiert – oder daß es Menschen gibt, die sich aus Gewissensgründen und nicht aus Feigheit oder Opportunität gegen militärische Befehle auflehnen.

Autant-Laras Film "Tu ne tueras point" hat zuerst in Frankreich und nun bei uns in Italien mächtig Staub aufgewirbelt. Es gelang mir, mit dem Regisseur unter vier Augen zu sprechen und überraschende Aspekte dieses "Falles" zu erfahren.

Um es vorwegzunehmen: Dem Film liegt ein wahres Erlebnis im Frankreich des Jahres 1949 zu Grunde, als nämlich ein Militärgericht sich gleichzeitig mit dem Schicksal zweier junger Männer zu befassen hatte, deren Wege entgegengesetzt verlaufen waren. Der eine, ein junger Deutscher, hatte auf Befehl einen Partisanen im besetzten Frankreich erschossen. Der andere, ein französischer Rekrut, hatte aus Gewissensgründen: den Militärdienst verweigert, um nicht seinerseits an der Front vor eine solche Verantwortung gestellt zu werden. Das Militärgericht verurteilte, ihn – und sprach den Deutschen frei.

Die "Ciccillos", aus denen das Gericht sich zusammensetzte, akzeptierten also den Mord aus Gehorsam und verurteilten die Gehorsamsverweigerung, die das Vermeiden eines Mordes zum Ziele hatte. Wohlgemerkt, es handelt sich da um eine These, der man vielleicht sogar zustimmen müßte. Ich selber, wenn ich in Uniform in einem Militärgericht säße, wüßte nicht, wie ich mich verhalten sollte und wahrscheinlich würden Zweifel und Gewissenskämpfe mich vor dem Urteil befallen. Und gerade daran, an diesem Nachdenken, will man die Menschen durch das Verbot des Films hindern.

Der Minister, der in Frankreich das Veto dagegen ausgesprochen hatte, hat den Film selbst nicht gesehen. Er hat ein kategorisches "Nein" ausgesprochen, nicht gegen die Lösung, die Autant-Lara vorschlägt, sondern gegen das Problem als solches. Und es handelte sich dabei nicht um einen General der alten Schule, sondern um André Malraux, den Autor der "Condition humaine" und des "Espoir", den Pionier und Meister der "littérature engagée" – einer Literatur also, die es sich zur Pflicht gemacht hat, den Kampf gegen die "Ciccillos", die unsere arme Welt verpesten, bis zum Äußersten zu führen.