Auf dem demokratischen Parteikonvent in Los Angeles im Juli vergangenen Jahres stieg ein der breiten Öffentlichkeit weniger vertrauter Politiker auf die Rednertribüne und forderte die Delegierten auf, John F.Kennedy als Präsidentschaftskandidaten der Demokraten zu nominieren. Orville Lothrop Freeman, Gouverneur des Staates Minnesota im Maisgürtel der USA, katapultierte sich mit dieser Rede auf einen Ministersessel, denn als Kennedy in das Weiße Haus eingezogen war, schlug auch für den jugendlich wirkenden Gouverneur die Stunde des Umzugs nach Washington. Er wurde, 42 Jahre alt, der jüngste Landwirtschaftsminister der westlichen Welt.

Letzte Woche kletterte Freeman auf dem Hamburger Flughafen Fuhlsbüttel aus einer Lufthansa-Maschine, die ihn auf der vorletzten Etappe einer Studienreise rund um die Welt von Rom an die Elbe gebracht hatte. Er hatte kaum festen Boden unter den Füßen, als er den wartenden Reportern sagte: "Ich hoffe, daß die Bundesrepublik die Einfuhr amerikanischer Lebensmittel erleichtern wird." Ohne Umschweife hatte der Minister damit den tieferen Sinn seines Besuchs in der Hansestadt enthüllt: Er möchte die letzten Barrieren für amerikanische Agrarexporte nach Deutschland beseitigen und gleichzeitig verhindern, daß von der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft gemeinschaftlich neue errichtet werden.

Gesprächspartner war Bundesernährungsminister Schwarz, der als Ehrengast zu der von Freeman eröffneten 100. amerikanischen Lebenmittelausstellung gekommen war. Es ist nicht schwer zu erraten, was die beiden miteinander besprochen haben, denn mit der Eloquenz eines Handelsvertreters nahm der mittelgroße, drahtige Amerikaner jede Gelegenheit wahr, sein Programm zu propagieren: Freier Handel auch für Lebensmittel und Hilfe für die hungernden Völker.

Niemand hält es angesichts so forensischer Beredsamkeit für möglich, daß dieser Mann als Erwachsener noch einmal das Sprechen lernen mußte. Als Offizier der "Ledernacken", des US-Marinekorps, hatte er bei den Kämpfen um die Pazifikinsel Bougainville eine so schwere Gesichtsverletzung erlitten, daß er die Sprache verlor. Heute gilt er als einer der besten Redner der Demokratischen Partei, für die er 1954 in Minnesota nach vierzehnjähriger Republikanerherrschaft den Gouverneurposten erkämpfte. Sein politischer Mentor auf diesem Weg nach oben war der liberale Senator Humphrey, der heute auf dem Kapitol-Hügel eine erste Geige spielt.

Freeman erscheint als ein typischer Vertreter der Kennedy-Regierung. Kühl, nüchtern und unpathetisch hält er offensichtlich mehr von Fakten als von schönen Reden. Lebensmittelausstellungen – wie der Monster-Supermarkt im Hamburger Ausstellungsgelände, wo rund 1500 amerikanische Lebensmittelprodukte Beachtung erheischen – sind für ihn eine gute Sache, wenn sie dem Export dienen. "Wir hoffen", sagte er, "mit dieser Ausstellung eine verstärkte Nachfrage nach amerikanischen Nahrungsmitteln wecken zu können. Eine Ausweitung unserer Exporte wird unseren Farmern und Ihren Verbrauchern nützen."

Den Besucher beschleichen allerdings gelinde Zweifel, ob der deutscher Verbraucher den Nutzen hat, wenn er von einem amerikanischen Exporteur hört, daß dieser eine Kilo-Dose kalifornischer Pfirsiche "für 95 Pfennig auf den Jungfernstieg stellen" konnte, für die der Krämer um die Ecke nun das Doppelte verlangt. Oder wenn er feststellt, daß er 1,60 DM für eine Dose Mais bezahlen soll, die der Exporteur für 85 Pfennig liefert. Aber das steht auf einem anderen Blatt...

So liberal er im Ausland agiert, für den inneramerikanischen Gebrauch wünscht der Minister sich Bundesgesetze, um eine strikte Kontrolle über die landwirtschaftliche Produktion der USA ausüben zu können. Nur so könnten Angebot und Nachfrage in das richtige Verhältnis gebracht werden. Den Europäern aber schrieb er in Hamburg ins Stammbuch, er sei fest entschlossen, Amerikas "geschichtlichen Anteil am europäischen Getreidemarkt mit agrarpolitischen Mitteln zu erhalten". Heinz Michaels