M. D., New York, im November

Nicht jedermann in den USA denkt die ganze Zeit über Berlin oder Atom-Luftschutzbunker nach. Kürzlich, Sonntag nachmittags, standen drei Mädchen in Hosen an einer Ecke an der Park Avenue und warteten auf grünes Licht. "Sonst hat man seine Schultern bewegt", sagte die kleinste des Trios. "Jetzt halten wir die Schultern mal still und bewegen irgendwas anderes." Sie warf ihre Arme nach vorn und rollte ihre Hüfte, als ob sie sich mit einem unsichtbaren Handtuch abtrocknen wollte. Der Verkehr stoppte, ohne daß die Ampel die Farbe gewechselt hätte.

Was dieses Mädchen bewegte – so wie jeden New Yorker in diesen Tagen, der up-to-date sein will – war der "Twist", Manhattans neuer Modetanz. Die Musik ist eine Art Neo-Rock’n Roll. Ein Partner ist nicht unbedingt erforderlich. Man macht es mit jedem Fuß einzeln; das Gewicht liegt auf dem linken Fuß, die Ferse des rechten Fußes wird gehoben. Man streckt die Arme von sich, die Ellbogen werden angewinkelt, so als ob man Auto führe oder einen Punching-Ball stieße, und los geht’s unter ständigem Heben und Senken der Schultern und fleißigem Hüfteschwenken. Das Berühren des Partners ist verboten, erlaubt hingegen, in Verzückung zu geraten.

Es scheint so, als seien für die Tanzkreationen der letzten fünfzehn Jahre nicht mehr die Unterhaltungsexperten und Stimmungsmacher zuständig, sondern die Psychologen mit den Ethnologen. Noch den Charleston, den Jitterbug, den Cake-Walk tanzten die Partner in den zwanziger Jahren, wenn auch schon zappelnd, so doch mit – wenigstens gelegentlicher – Tuchfühlung. Boogie-Woogie, Chacha-cha und Rock’n Roll brachten die Partner auseinander. Sie vollziehen jetzt fast ein artistisch verzwicktes Ritual mit rhythmischen Zutaten aus Afrika, der Karibischen See und Südamerika. Man wackelt, hüpft, zuckt, schlenkert, schleudert, dreht. Entladungen komplizierter Seelen? Körperliche Ausgleichsbewegung für Leute, die ihre Arbeit immer mehr zum Sitzen zwingt? Ausbruch aus der genormten Zivilisation? Stimulanz für ein langweiliges Leben? Gleichviel – es wird getwistet.

Man sagt, diese Mode habe in Pennsylvanien unter der Bezeichnung "The Madison" angefangen, unter Teenagern, die sie längst nicht mehr modern finden. Durch eine Bar in der 45. Straße, unweit der Seventh Avenue, von der man bisher noch nie etwas gehört hatte, die "Peppermint Lounge", erreichte die Mode New York. Irgendwelche Spitzen der Gesellschaft gerieten eines Nachts in diese Bar, wurden in einer Klatschspalte erwähnt, und der Fimmel war da.

Jetzt ist schon das eingetroffen, was Arnold Toynbee die "Ausdehnungsphase" nennen würde. Die Karnevals-Twist-Partys haben begonnen, und die Schallplattengesellschaften stellen Twist-Schallplatten her, so schnell sie können. Mittlerweile ist die zweihundert Menschen fassende Pfefferminz-Bar jede Nacht überfüllt. Die Leute, die nicht mehr hineingelassen werden, tanzen den Twist auf dem Bürgersteig.

Eines Abends waren zwei Polizei-Mannschaftswagen da, später patrouillierten Polizisten zu Fuß und zu Pferde durch die überfüllten Straßen. Der Portier vor dem Eingang, offensichtlich gut instruiert, achtet darauf, daß sich Beatniks und Angehörige anderer Gesellschaftsschichten ungefähr zu gleichen Teilen im Lokal befinden. Er hat offenbar wenig Mühe damit: Die "Gesellschaft" drängelt sich zum Twist, und Abendroben, Pelze und Smokings verleihen der unbekannten Bar ungewohnten Glanz.