Von Hans Gresmann

Sage einmal einer, was hat ein Schweineohr mit einer seidenen Geldbörse zu tun? Diese beiden Gegenstände verraten, einer nach dem anderen sorgfältig betrachtet, wirklich nicht die geringste Ähnlichkeit, weder in Form, Material oder Farbe – vom Verwendungszweck schon gar nicht zu reden.

Und doch besteht zwischen ihnen eine geradezu intime Beziehung: die seidene Geldbörse wurde nämlich aus dem Schweineohr angefertigt. Und dies geschah in einem Laboratorium nach viel Tüftelei, nach langen Beratungen, ungezählten Versuchen und wohl auch mit ziemlich hohen Kosten. Und als man ihn schließlich zuwege gebracht hatte, diesen erstaunlichen Umwandlungsprozeß, da war materiell natürlich alles für die Katz. Denn wer will schon ein Vermögen ausgeben für eine auf solch umständlichem Wege entstandene Geldbörse?

Die Firma freilich, in deren Laboratorien das seltsame Werk vollbracht wurde, hatte gar nicht die Absicht, auch nur einen Pfennig an diesem Verfahren zu verdienen. Ihr kam es allein auf den Beweis an – einen Beweis, der jedermann in der Neuen Welt einleuchten mußte –, daß es eben doch gelingen kann, das Unmögliche möglich zu machen. Wieso denn leuchtet das jedermann in der Neuen Welt ein? Dazu muß man wohl wissen, daß in Amerika, wenn es darum ging, einen Plan als ganz und gar. undurchführbar und abwegig hinzustellen, von jeher der alte Spruch zitiert wurde: "Aus einem Schweineohr kann man keine seidene Geldbörse machen!"

Gedankenarbeit und Laboratoriumsfleiß haben dies Wort jetzt ein für allemal widerlegt. Eine pure Verrücktheit, eine Spielerei, die außerdem noch viel Geld gekostet hat? Nun, wir werden sehen. Die Männer jedenfalls, die sich da um das Schweineohr gekümmert haben, sind auf "Verrücktheiten" ein bißchen spezialisiert – und mit sogenannten "Spielereien" haben sie schon eine ganze Masse Geld verdient.

Das vergangene Jahrhundert, von dem man gesagt hat, seine größte Erfindung sei die wissenschaftliche Methode gewesen, Erfindungen zu machen – dieses 19. Jahrhundert ging schon zur Neige, da lebte und arbeitete in der kleinen Universitätsstadt Cambridge im amerikanischen Staat Massachusetts ein Mann, der bei hoher akademischer Begabung und Erfahrung zugleich ein eminent tüchtiger Praktiker war. Heute würde man sagen, er hatte etwas von einem Manager an sich. Diesem Doktor Arthur D. Little ließ der Gedanke keine Ruhe, daß man mit all den vielen Resultaten und Einzelerfindungen, die in den verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen zuwege gebracht wurden, für die Praxis noch viel mehr erreichen könnte. Vorausgesetzt freilich, es gelänge, das alles ein bißchen mehr zu koordinieren.

Dazu brauchte man aber, das wußte Dr. Little sehr genau, Stäbe von tüchtigen Wissenschaftlern, Laboratorien, Instrumente –kurzum: viel Geld. Nun gab es zwar an jenem Ort, wo er lebte, zwei große und sehr reiche akademische Institutionen: die altehrwürdige Harvard Universität und das schnell zu Weltruhm aufgestiegene junge Massachusetts Institute of Technology. Vor beiden hegte Little große Hochachtung, und er wußte, daß sie ihm bei seinen Plänen sehr hilfreich sein könnten. Aber was die angewandte Forschung betraf, mahlten ihm, mit Verlaub, die akademischen Mühlen zu. langsam. So versuchte er es, realistischer Amerikaner, der er war, mit einer Privatfirma. Pate stand bei der Gründung – im Jahre 1886, jetzt also gerade vor 75 Jahren – diese ganz einfache Überlegung: Wenn wir die Probleme anderer Leute lösen, werden diese Leute auch bereit sein, dafür genügend Geld zu bezahlen.