G. Z., Frankfurt/Main

Fassungslos buchstabierte der 36jährige Kraftfahrer Otto Müller aus Frankfurt-Griesheim an dem Schreiben herum, das ihm ein Polizist in die Wohnung gebracht hatte. In dem amtlichen Brief teilte ihm die Abteilung III des Polizeipräsidiums, zuständig für Verkehrsangelegenheiten, in aller Form mit, daß er "aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage ist, als Kraftfahrer am Straßenverkehr teilzunehmen". Und um ganz sicher zu gehen, daß sich der Kraftfahrer Müller künftig auch tatsächlich nicht mehr am Straßenverkehr beteiligt, ließ sich der Polizeikurier in Uniform gleich den Führerschein aushändigen.

Zurück blieb ein völlig ratloser Bürger Müller, Patron einer zwölfköpfigen Familie, der sich in der Welt nicht mehr zurechtfand, denn kurz vor dem Polizistenbesuch, der ihn davon unterrichtete, daß er ein kranker Mensch sei, hatte ihm eine andere Behörde genau das Gegenteil bescheinigt. Kein Wunder, daß ihm ernste Zweifel aufkamen, ob er denn nun krank oder gesund sei – oder möglicherweise auf eine geheimnisvolle Art beides zugleich.

Grübelnd blickte Müller auf seinen Lebensweg zurück: Schlosserlehre, während des Krieges Kraftfahrer, später Fernfahrer bei einer Transportfirma, und dann kam 1954 der Unfall. Er war nach Feierabend mit dem Motorrad unterwegs, als er von einem amerikanischen Kraftwagen angefahren und schwer verletzt wurde. Das waren bittere Wochen und Monate. Das linke Bein mußte amputiert werden, so hoch, daß er keine Prothese tragen konnte. So traurig das Schicksal des ehemaligen Fernfahrers, so klar war der Fall für die Landesversicherungsanstalt: Invalidenrente.

Aber der Neurentner hatte nicht die Absicht, künftig sein Leben in völliger Untätigkeit zu verbringen. Also tat er das, was die Fachärzte in solchen Fällen dringend empfehlen: Er versuchte, so gut es ging, sich nützlich zu machen. Dabei lag es nahe, daß er in der Branche blieb. Und bald konnte er, nachdem viel Fleiß und Energie aufgebracht, wieder ein Kraftfahrzeug führen, zwar keinen schweren Lastzug mehr – das war endgültig vorbei –, aber immerhin einen kleinen Lieferwagen, mit dem er, zusammen mit seinem ältesten Sohn, "Schrotteln" fuhr.

Dabei ging es für Müller gar nicht so sehr um den Nebenverdienst, der bescheiden genug war. Aber wenn er so durch die Straßen zuckelte, hatte er das Gefühl, zwar altes Eisen hinten auf der Ladepritsche zu haben, aber doch noch nicht selbst dazuzugehören. Sein Leben war "ausgefüllt" – wie es so schön heißt. So ging jahrelang alles gut. Bis zu dem Tage, an dem er von der Landesversicherungsanstalt die Aufforderung erhielt, zu einer ärztlichen Untersuchung zu kommen.

Zwei Nervenärzte nahmen sich seiner an und stellten fest, der Mann kann sich an seinen Krücken auch ohne Prothese gut fortbewegen, der Beinstumpf bereitet keine Beschwerden mehr. Die Versicherer zogen aus dieser Begutachtung ihre Schlußfolgerung und stellten die Rentenzahlungen ein.