Washington, im November

Der Termin für die zweite Begegnung Kennedys mit Adenauer wurde ungewöhnlich kurzfristig nach der Regierungsbildung in Bonn angesetzt. Washington hatte offensichtlich bereits mit einiger Ungeduld darauf gewartet, die deutsche Frage mit den Deutschen selbst erneut besprechen zu können.

Die Kennedy-Regierung blieb vor und nach der Bundestagswahl bemerkenswert neutral. Das war weder Noblesse noch Taktik: Das heutige Washington hat in der Tat nichts für und nichts gegen Adenauer. Kennedy wünscht sich einen starken deutschen Bundesgenossen und infolgedessen eine handlungsfähige deutsche Regierung.

Die Zeit ist längst vorbei, da nur der Name Adenauer eine solche Regierung zu gewährleisten schien. Dennoch fand der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika in seiner letzten Pressekonferenz besonders herzliche Worte für den neuen alten Bundeskanzler. Kennedy sucht eine gute Arbeitsbasis mit Bonn. Dazu ist ein freundliches Verhältnis zu dem Mann an der Spitze unerläßlich.

Worum geht es in der Sache? Was hat sich seit der ersten Begegnung der beiden Regierungschefs verändert? Es ging im April hier in Washington zwischen Kennedy und Adenauer vor allem um die damals scheinbar so brennende Frage der NATO als vierte Atommacht. Heute rangiert dieser Aspekt nur mehr als Teil des Problems der europäischen und nordatlantischen Sicherheit, was er im Grunde immer war. Frage: Könnte ein deutscher Verzicht auf Verfügungsgewalt über Atomwaffen ein Preis sein, mit dem man den Russen neue, bessere Garantien für Berlin abhandeln kann? Die Amerikaner sehen durchaus die Möglichkeit, das berechtigte Sicherheitsbedürfnis der Bundesrepublik auch für die Zukunft zu befriedigen, und zugleich der Sowjetunion die wirkliche oder vorgegebene Furcht vor Atomwaffen in den Händen deutscher Generale zu nehmen. Washington wird dabei außerdem von Bonn die Übernahme größerer konventioneller Rüstungslasten fordern.

Die militärischen Fragen spielen nun einmal bei der Lage in Mitteleuropa, vor allem in Berlin, eine ausschlaggebende Rolle. Kennedy und seine militärischen Berater sind entschlossen, sich nicht länger allein entscheidend auf die Atomwaffen zu stützen. Sie wollen vielmehr das westliche Verteidigungsbündnis in den Stand setzen, jede Art von Angriff mit angemessenen Mitteln zu parieren.

Was Europa angeht, sind die Amerikaner dabei vor allem auf die Deutschen angewiesen. Das hieße für uns: Längere Dienstzeit, verstärkte Einberufung, bedeutend höhere Verteidigungsausgaben, andere Schwerpunkte in der Bewaffnung. Washingtons Argument: Berlin liegt schließlich den Deutschen am nächsten. Sie müssen mehr dafür tun als bisher, damit es ohne das ständige Risiko eines atomaren Weltkrieges gehalten werden kann. Es klingt nur scheinbar paradox, daß trotz dieser Aufrüstungstendenzen die Frage einer Rüstungsbegrenzung für die Bundesrepublik tatsächlich der reellste Preis in einem künftigen Handel mit Moskau darstellen würde.

Mit Sicherheit werden auch die neuesten amerikanischen Überlegungen hinsichtlich eines gemeinsamen europäisch-amerikanischen Marktes mit dem deutschen Bundeskanzler erörtert werden. Finanz- und wirtschaftspolitische Fragen standen am Anfang der deutsch-amerikanischen Beziehungen in der Ära Kennedy. Sie lassen sich auf einen Nenner bringen: Die USA glauben, daß die Bundes, regierung größere Anstrengungen machen und Opfer bringen sollte für die gemeinsame Sache des Westens, die sich gerade im Ringen um die deutsche Hauptstadt zu bewähren hat. Thilo Koch