Der letzte Roman Moravias heißt "La Noia", zu deutsch "Die Langeweile". Die deutsche Übersetzung, dem Bestsellererfolg in Italien auf den Fersen, hat das italienische Wort beibehalten –

Alberto Moravia: "La Noia", Roman, übertragen von Percy Eckstein und Wendla Lipsius; Verlag Kurt Desch, München; 385 S., 17,80 DM.

Vielleicht schien es dem Verleger zu riskant, dem Leser schon auf der Titelseite "Langeweile" zu versprechen. Vielleicht fand man auch, daß Langeweile nicht genau dasselbe sei wie noia. Diese ist die Unbefriedigtheit, der Überdruß, die Lebenslähmung, der Weltekel, der am Ende übrigbleibt. Nicht Langeweile, sondern LANGEWEILE, kein Abstraktum, sondern eine Allegorie.

Moravias "Langeweile" ist die Geschichte eines jungen Mannes, der seit frühester Kindheit an diesem Übel leidet. Schon als Junge plant er eine Geschichte der Langeweile, eine Welterklärung durch Langeweile zu schreiben: Aus Langeweile die Erschaffung der Welt, aus Langeweile der Biß in den Apfel im Paradies, aus Langeweile entfesselt Gott die Sündflut und aus Langeweile der Mensch die Französische Revolution. Der junge Mann wird Maler, aber eines Tages macht er einen Schlußstrich unter seine Kunstversuche, meldet endgültig seinen Bankrott an. Es leuchtet ein, daß seine Geschichte sich so nicht weiterschleppen kann: "Noia" ist nicht nur für den Leser, auch für den Autor ein undankbarer Gegenstand.

Die dea ex machina, die den Staub hochwirbelt, ist ein Mädchen, ein Modell. Zufällig, beiläufig, bahnt sich eine Beziehung an, dann wird Verstrickung, Hörigkeit daraus. Die Frage ist, was das Mädchen für elektrisierende Eigenschaften hat, um den jungen Mann, der selbstverständlich auch schon die Liebe im Kampf gegen die Langeweile durchprobiert hat, so aus seiner bleiernen Passivität zu reißen. Das Wunder wird durch eine merkwürdige Verschränkung erzielt: Sie ist zwar genauso blicklos, so teilnahmslos, so unberührt wie er; auf der anderen Seite sieht er sie aber in dieser Indifferenz so sicher, so gut aufgehoben wie einen Fisch im Wasser. Sie ist kein vitales Mädchen aus dem Volk, wie sie Moravia sonst gern schildert, sondern ein Stück Treibholz, ein Korken im Lebensgestrudel, kleinbürgerlich, wenn auch mit hinreichenden körperlichen Reizen ausgestattet, nicht sehr anhänglich, aber auch nicht sehr treulos, völlig unkokett, ohne Stolz, aber auch ohne Berechnung, auf eine sehr undramatische, "neutralistische" Art jenseits von Gut und Böse.

Es fängt mit dem Staunen des jungen Mannes an, wie es denn möglich sei, daß jemand in der Blindheit der Indifferenz dennoch leben kann – zugespitzt formuliert, wie es kommt, daß ihr die Langeweile nicht langweilig wird. So wird das Mädchen Studienobjekt, endlosen Interviews ausgesetzt, die etwa so verlaufen:

"Dein Vater ist krank?" – "Ja." – "An was für einer Krankheit?" – "Er hat Krebs." – "Was sagen die Ärzte dazu?" – "Daß er Krebs hat." – "Nein, ich meine, ob sie denken, daß er wieder gesund wird." – "Nein, sie sagen, daß er nicht wieder gesund werden kann." – "Dann wird er also bald sterben?" – "Ja, sie meinen, daß er bald sterben wird." – "Tut es dir leid?" – "Was?" – "Daß dein Vater stirbt." – "Ja." – "Das sagst du so dahin?" – "Wie sollte ich es sagen?" – "Aber du hast deinen Vater gern?" – "Ja."