Hermann Stahl (geboren 1908):

Von wem ist mein Bild? Von Bracque könnte es sein. Von Buffet auch, durchaus, oh, der Katzenjammer derer, die sich an ihm übernahmen und nun augurisch feixen: Rolls Royce und Schloß, also Schwindel; diese Selbstdesavouierer – wo ist denn der Zwanzigjährige mit einer Leinwand von zwei oder wieviel Metern Breite, dünn hingepinselt kargfarbiges Interieur (Bett mit Sitzender) so durchgehalten, so gespannt, wie in Trance gemalt? Was schiert mich sein äußerer "Erfolg", wenn Buffet trotzdem durchhält? Bis jetzt tat er’s.

Mein Bild könnte nicht von Dali sein. Aber von Utrillo, von Wols, aber von Bonnard! Wo hängt heute "Le Buffet", 1937 im Petit Palais gesehen? Oder ein Modigliani, atem-angehaltene Tragödie aus Liebe (die Kunst!) und verfrühtem Ausgeliefertsein an den Feinschmecker Tod. Und von Segonzac könnte mein Bild sein. Von Juan Gris. Von Pascin, auch wenn es das Ringelnatz-Gedicht nicht gäbe. Von Lesser-Ury könnte mein Bild sein, von meinem Freund Erwin v. Kreibig. Oder von Schmidt-Rottluff. Von Signac. Ein später Corinth (Walchensee), ein früher oder ein später Georg Schrimpf: Mädchen träumend an träumendem Fenster einer Gasse stracks aus dem Traum, oder eins seiner letzten oberbayerischen Bilder, Gehöfte im Dämmer, ein Glühen, ein Prangen von Stille, die nur Schrimpf so konnte in diesem Jahrhundert, Schrimpf, vergessen im Augenblick; Freund, zerbrochen an der Unzeit, kam von Berlin nach Schwabing zurück, aß seinen Radi, saß still da in S.K’s Stube und grämte sich zu Tode; Schrimpf, man wird ihn bald wiederentdecken, feiner als etwa Runge, ein jüngerer Bruder von Caspar David Friedrich.

Ein Nolde könnte es sein. Ein Seurat. Ein Kirchner. Klee, Emile-Othon Friesz, ein Werner Gilles. Und es könnte ein Frans Hals sein, oder ein (aber das Gold müßte im Druck sein samtnes Leuchten behalten!) Meister des Marienlebens; ein Blatt Tusche von Dürers Hand und ein Odilon Redon (1840–1916) mit Blumen; eine Picassozeichnung um 1905, ja warum nicht Graphik gleich Bild? Dann ist "mein Bild", hier in der Mappe: ein Palma Giovine (spätes XVI.) Skizze zu mythologischer Gruppe, Rötel; oder die Zeichnung weiblicher Akte von Lafage (XVII.) oder mein großes leicht ruinöses Blatt Römische Ruine von Piranesi (XVIII.), Bleistift; und – ja – und (20,7 mal 24,5 blaugraues Papier Kohle schwarz, schwach weiß gehöht, erstklassiger Zustand) mein: Girlande tragender Engel des Anton van Dyck, nein, kein Gesellen- oder "Werkstattblatt", auch nicht noch Rubensschule, wirklich A. van Dyck, und aus empfindlichster Stunde, Niederschrift eines großen Meisters, Licht und Tiefe, Glanz.

In einem Dorfschaufenster (nun ja, ein Marktflecken) fand ich, 90 mal 65, ein seltsames Hochformat einst: kindjunge lesende Heilige mit Mutter, vor klassizistischer Staffage, Raffinement der Komposition plus merkwürdig primitiver Malart und Farbdicke, ich erwarb das Monstrum, DM 60,–, grub die Dorftünchersmalschicht ab und wusch das eigentliche Bild hervor: ein Januarius Zick (1730–1797); ein Restaurator baute mir die Bis-auf-die-Leinwand-Sprünge wieder auf, welcher Gesell trug auf seiner Walz das Bild wie eine Zeitung mehrfach geknifft von Würzburg (oder von Koblenz, wo Zick starb) in seinem Felleisen ins Bayrische her? Der Restaurator brachte Kindweiblächeln und weißen Puffärmel nicht raus, ich, mit kniffligen Lasierkünsten unvertraut, malte Mundpartie und Ärmel "auf prima" hin in Herzklopftagen, bis der Klang wieder kam, mainfränkisch frommen timbre, Duft; nun hängt es hier, ist es "mein" Bild?

Ich weiß das nicht, so viele; Begegnungen flüchtig und länger, Sternschnuppen und das. "Andere" ins Herz, wovon sonst leben wir, so vergänglich? Mein Bild; eine kleine Stimme früh um sechs nach Faschingsnacht 1931 – "Die Juryfreien" zu München, aus dem Taxi sagte sie zu dem, der Telefonnummer erbat: "... du nicht bemerkt, daß ich Jüdin um?"

Und ein Jahr später, in Vorwegnahme ihres frühen Sterbens beim Schwimmen im Rhein (ihr "Großes Porträt" war bereits im Glaspalast mit verbrannt, den Jene – das glaubt er bis an sein Ende! – angezündet hatten!), ein Jahr später malte er an einem grauen Tag die papierene Faschingsblume, die sie getragen, und setzte ein Glas dazu, in leer-stummen, kaum Bestehen wahrenden, in eher versinkenden Raum, "Alte Faschingsblume"; Franz Roh wußte nicht, woher die "tiefe Monotonie" dieser Bilder kam, damals; dieses hing noch in der "Glaspalast-Ersatz-Ausstellung München 1932". im Deutschen Museum-, der Katalog zeigt es, gut so, denn er verbrannte mit allen, mit beinahe allen frühen Bildern seines Malers in einer Feuernacht zu München, und wenn ich’s mein Bild nannte, so nicht, um es mit all den andern auf eine Stufe zu stellen.

HERMANN STAHL, geboren 1908, lebt als Schriftsteller in Oberbayern. Studierte Malerei und Bühnenbildnerei, hörte Kunstgeschichte, begann 1933 nach Verbot der "Münchner Juryfreien" ("entartete" Kunst) zu schreiben, Lyrik, Prosa, Hörspiel, Buchkritik. Letzte Veröffentlichungen die Romane: "Die Spiegeltüren", "Jenseits der Jahre" und (1960) "Tage der Schlehen" – sowie (1961) die Kurzgeschichten "Genaue Uhrzeit erbeten".