Chruschtschow lieferte die Ouvertüre für des Bundeskanzlers Amerika-Visite

Das harte, brutale Klopfen, mit dem im August und September 1961 Kriegsgott Mars aufs neue Einlaß in das Weltgeschehen begehrte, war für jedermann zu hören. Die Waffen klirrten auf beiden Seiten, und hier wie dort war man bereit, massenmordende Raketen auf ihre Bahn zu schicken. Törichte Panik, Entsetzenspsychose, Aufbauschung, eiskalter Nervenkrieg – gewiß, es gibt viele Formeln, mit denen sich glaubhaft machen läßt, daß alles ja "gar nicht so schlimm" war. Doch niemand kann leugnen, daß wir seit 1945 der fürchterlichsten aller Katastrophen nie so nahe waren wie in den letzten Monaten.

"Es ist nicht gut, sich gegenseitig zu drängen", erklärte jetzt Nikita Chruschtschow und präsentierte mit diplomatischer Raffinesse seinen westlichen Widerparts einen Vier-Punkte-Vorschlag zur Heilung des neuralgischen Welt-Punktes Berlin. Es ist dies ein Plan, der immerhin die sowjetische Krisenpolitik der letzten Monate auf den Kopf stellt. Perfide Taktik, ein schnöder Versuch, den Gegner einzulullen, Spiegelfechterei, die schlimmer und vielleicht gefährlicher war als eine Aggression – gewiß, es gibt auch hier mancherlei Erklärungsmöglichkeiten für die These, nichts habe sich im wesentlichen geändert. Aber wiederum kann niemand leugnen, daß diese Novembermitte zumindest einen neuen Ansatz gebracht hat – und daß das beängstigende Klopfen an der Tür auf einmal (und zunächst fast unbemerkt) verstummt ist.

Kein Wandel?

Die neuen sowjetischen Vorschläge, deren Tendenz sich schon in den Gesprächen Außenminister Gromykos mit Rusk und Kennedy abzeichnete, laufen auf eine fundamentale Veränderung des Moskauer Terminkalenders hinaus. Statt – wie im Sommer angedroht – zuerst mit der Zone einen Separat-Friedensvertrag abzuschließen, dem dann eine Berlin-Regelung (unter aktiver Mitwirkung des Ulbricht-Regimes) folgen sollte, denkt der Kreml jetzt an diese Reihenfolge: Zunächst Verhandlungen über ein Berlin-Arrangement mit den drei anderen Besatzungsmächten, sodann eine Abmachung mit Ostberlin, worin der neue Status des westlichen Teils der alten Reichshauptstadt verbindlich anerkannt wird, und erst am Ende ein Friedensvertrag mit der DDR.

Das Argument eilfertiger Kommentatoren, hier handele es sich lediglich um einen Wandel in der Methode, nicht aber in der Sache, vermag selbst auf den ersten Blick schwerlich einzuleuchten. Denn bedeutet hier nicht eine Veränderung der Reihenfolge auch zugleich eine Veränderung in der Sache? Der Ausgleich mit dem Westen, die langfristige Verständigung mit Amerika hat ganz offenbar den Vorrang vor einer scheinbaren Loyalität gegenüber dem Ostberliner Vasallen bekommen. Und das sei nur Methode?

Chruschtschow, der bisher durch die Krise gerade so viel gewonnen hat, wie für ihn herauszuholen war, kann doch kaum ein Interesse daran haben, seine Politik in Zukunft den unberechenbaren Störaktionen und Winkelzügen eines halsstarrigen Satelliten auszuliefern. Wenn ihm der Sinn danach steht und wenn die Stunde günstig scheint, neuen Ärger zu machen – er vermag ja jederzeit wieder anzufangen. Aber der Ärger soll in Moskau geplant werden, nicht in Ostberlin.