Seit ein paar Jahren, seitdem wir wissen, daß die heutigen Polen eine erstaunliche Literatur, einen – trotz allem – eigenwilligen Kunstsinn, ein aufregend vitales und schillerndes Geistesleben besitzen, und seitdem wir wissen – sehen und staunen! –, wie die Intelligenz dieses kleinen Volkes (zwischen den Mühlsteinen), und obwohl nicht minder anspruchsvoll als wir im Westen Europas, im Lande gehört und geachtet wird, wie souverän sie urteilt und handelt, die Geschicke ihrer Gesellschaft beeinflußt, wie schwer dort wiegt, was sie zu sagen hat (wenn man bedenkt, wie wenig wiegt, was unsere bei uns zu sagen hat), fragen wir uns immer wieder, wie solches möglich ist...

Die Frage wäre wert, von literarisch interessierten Soziologen oder von soziologisch gebildeten Literarhistorikern untersucht zu werden.

Aber auch für den Laien ist das eine offenkundig: die Einzelgänger gehen in Polen nicht allein. Sie messen ihren Gang an den Markierungen des Landes, am Schicksal des Volkes, am Sinn der Geschichte. Man nimmt sich nicht so wichtig, dagegen das, was man vermag und soll, sehr wohl. Man ist Individualist, aber kein Eigenbrötler.

Wer die polnische satirische Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts sammelt oder sichtet, hat es mit mehreren hundert Bänden zu tun und mit mindestens einem halben Hundert erstklassiger Autoren. Zwei von ihnen – den Aphoristiker Lee und den Meister skurriler Groteske Slawomir Mrozek – hatten wir bereits Gelegenheit, in Deutschland kennenzulernen.

Als der Römer Lucilius zum erstenmal der lästernden Literatur den erfrischenden Namen einer Obstschale – satura – gab, hatte er eines, und kein kleines, im Sinn: die Lächerlichkeit der Lächerlichkeit preiszugeben, sie wie sauren Nachtisch anzubieten und mit ihr den trägen Verdauungsvorgang der Saturierten in Bewegung zu bringen: als die Lächerlichkeit an sich selbst umkommen zu lassen.

Die Satura machte im Wandel der Zeiten viele Mutationen, Metamorphosen durch. Zwischen dem Spott des Juvenal, dem Pasquill des Archilochos, den Komödien des Aristophanes, den Motti der florentinischen Höfe der Renaissance und den "geschmackvollen Beleidigungen", wie sie Voltaire mochte und meisterte, der Pariser Salons, zwischen den brillanten Gehässigkeiten eines Heine, den kauzigen Gelehrsamkeiten eines Lichtenberg, den sozialen, politischen und poetischen Saturnalien solcher Possenreißer wie Swift, Gogol, Shaw bis zu den modernen Moralisten liegt eine weite breite Skala literarischer Möglichkeiten, liegen Entwicklungsstufen, Arten, Qualitäten und Nuancen.

Die polnische Literatur kennt sie alle: die beziehungsreiche Fabel; das messerscharfe Feuilleton, das bissige Gedicht, den geistreichen Aphorismus.