Paris, im November

Seit 21 Jahren spreche ich im Namen Frankreichs", erwiderte Präsident de Gaulle auf seiner letzten Provinz-Fahrt in Aix-en-Provence einigen lärmenden Demonstranten. Tatsächlich hat der General mancherlei "im Namen Frankreichs" gesagt, was jetzt von den Kritikern sorgfältig unter die Lupe genommen wird. Aber die Untersuchung dieser sibyllinischen Formulierungen ergibt leider keine präziseren Resultate als die Befragung von Kaffeesatz oder Spielkarten. Die Zukunft Algeriens liegt somit weiterhin in dichtem Nebel.

Der Herausgeber des "Express", Servan-Schreiber, hat sich unter Konsultierung eines bemerkenswert lückenlosen Archives die Aufgabe gestellt, die Entwicklung der Algerien-Frage im Spiegel der Reden de Gaulles darzustellen. Das Resultat sei hier in kurzen Zügen wiedergegeben: Anfang 1959 in Bourges: "Der Tag ist in Sicht, da Algerien dank dem allgemeinen Verständnis seiner Bewohner befriedet sein wird." Vier Monate später im Fernsehen: "In Algerien ist der Erfolg der öffentlichen Ordnung von nun ab durchaus in Sicht." Drei Monate später in Beifort: "Ich glaube, daß wir den Weg gefunden haben, der uns zum Frieden führt." Neujahr 1960: "In Algerien ist der Weg des Friedens abgesteckt." Einige Monate später im Fernsehen: "Ich glaube, daß man einer wirklichen Lösung niemals näher war." Im Oktober in Briançon: "Der Friede in Algerien steht vor der Tür." Ende 1960 in Digne: "Wir sind im Begriff, diesen Krieg in Algerien zu beenden, denn wir werden ihn beenden." Anfang 1961 in Bar-le-Duc: "Der algerische Krieg, der gegenwärtig seinem Ende entgegengeht, muß beendet werden." In Nancy: "Dieser Algerienkrieg geht zu Ende." In Metz: "Dieser Krieg geht nach militärischen Gesichtspunkten zu Ende." Zwei Monate später in Villefranche-de-Rouerge: "Das ist das Ende dieser algerischen Affäre." Anfang Oktober im Fernsehen: "Seit drei Jahren haben wir nicht aufgehört, uns dem Ziele zu nähern." Anfang November in Bastia: "Die Verhandlungen werden von einem Tage auf den andern beginnen."

Man kann in der Tat nur staunen. Hier ist ein Künstler am Werk. De Gaulle versteht sein Publikum zu fesseln wie ein Meisterregisseur. Und wie die Welt des Films hat die Welt seiner Ansprachen mit der Realität wenig gemein. In seiner Welt ist Raum für prunkvolle Gala-Abende in der Oper, aber nicht für blutige Folterungen in Polizeikellern; für ruhmvolle Waffentaten, aber nicht für meuternde Offiziere; für nationale Kohäsion, aber nicht für nationalistische Hysterie. In ihr wird keine Notiz genommen von öffentlich auftretenden "Geheim-Organisationen", vom Hungerstreik Tausender FLN-Häftlinge, von Gewaltstreichen gegen die algerischen Nationalisten in der Metropole (im Vorfeld von Verhandlungen, die "von einem Tag auf den andern" beginnen können), von gewissen Persönlichkeiten, die es bis zur Ministerpräsidentschaft gebracht haben und zufällig eine diametral gegensätzliche Auffassung von der französischen Algerienpolitik vertreten als der Staatspräsident.

Wie antwortete der General in Draguignan, als ein Senator das Gespräch vorsichtig auf die OAS zu bringen suchte? "L’OAS? Connais pas!" OAS? Noch nie gehört! Der Leser erinnert sich gewiß an Christian Morgensterns Palmström, der messerscharf schloß, "daß nicht sein kann, was nicht sein darf". Palmströms Haltung ist von einer großartigen Konsequenz, die allerdings einem Politiker höchst gefährlich werden müßte.

Während der Budget-Debatte im Palais Bourbon ist die OAS mittlerweile als salonfähige politische Kraft anerkannt worden. 138 von 537 Deputierten sprachen sich gegen de Gaulles Politik der Selbstbestimmung aus – in Formulierungen, die den Gedankengängen der OAS verzweifelt nahe kommen. In der Armee-Debatte stützten 80 Deputierte einen Antrag, der fast wörtlich einem Brief Ex-General Salans von 11. September an die Abgeordneten entnommen war. Er forderte die Rekrutierung einer algerischen Sonderarmee durch die Aufbietung von acht Jahrgängen der französischen Siedler in Algerien. Damit hat sich eine offiziöse OAS-Fraktion im französischen Parlament gebildet, die sich vornehmlich aus algerischen Abgeordneten, dem rechten Flügel der Unabhängigen und einer Reihe Fraktionsloser zusammensetzt.

Kein Wunder, daß de Gaulle ankündigte, er wolle in nicht allzu ferner Zeit das Parlament auflösen und Neuwahlen ansetzen. Er hat damit Gerüchte bestätigt, die ihm die Absicht zuschreiben, durch eine Vorverlegung des Wahltermins und einen mit persönlichem Einsatz geführten Propagandafeldzug den verschiedenen gaullistischen Gruppen eine neue gemeinsame Basis zu geben. Ob er sein Wort wahrmachen und sich zurückziehen wird, wenn ihm die Massen unter dem Ruf "Charles, verlaß uns nicht" wieder zuströmen? Es liegt viel de Gaullesches Pathos in diesen verfrühten Rücktrittsreflektionen. Das Volk wird ihn unter Akklamation bestätigen, denn er zumindest – so denkt es – macht ja keine Politik. Und vielleicht hat es damit gar nicht so unrecht. Rudolf Fischer