Professor Walter Hallstein, Präsident der Kommission der EWG und somit der ranghöchste "deutsche Europäer", feiert am 17. November seinen 60. Geburtstag. Eine steile Nachkriegskarriere führte den Ordinarius für Handels- und Wirtschaftsrecht sowie internationales Privatrecht an der Universität Frankfurt über das Staatssekretariat im Bundeskanzleramt und im Auswärtigen Amt nach Brüssel. Über lange Jahre hin hat sich Hallstein für diese gleichermaßen verantwortliche wie auch ehrenvolle Position vorbereitet. Denn, so bekannte er einmal, "die europäische Integration ist mein Hobby".

Beurteilt man die verschiedenen Kräfte, die in der Sechser-Gemeinschaft zum "Vereinigten Europa" hinstreben, so hat man Hallstein in der extrem politischen Gruppe zu placieren. Zusammen mit französischen und italienischen EWG-Baumeistern, mit der moralischen Unterstützung auch des Europäischen Parlaments in Straßburg, glaubt er in erster Linie an ein institutionell-rechtliches Konstruktionsverfahren für den Zusammenschluß Europas. Den wirtschaftlichen Integrationsfaktoren billigt Hallstein nur sekundäre Bedeutung zu. Sein vor etwas mehr als 1 1/2 Jahren, vorgelegter "Beschleunigungsplan" brachte die Ökonomen in einige Aufregung; in Deutschland war es Wirtschaftsminister Erhard, der entschieden gegen eine Entwicklung der EWG zum "politischen Igel" ankämpfte. Im Gegensatz zu Hallstein plädierte er für eine umfassendere handelspolitische Lösung mittels einer Taktik der offenen Tür. Es ist heute allerdings schwer zu sagen, ob der Zusammenbruch der "EFTA-Konkurrenzunternehmung" eher der entschlossenen Härte Hallsteins zugeschrieben werden darf, oder ob im Gegenteil die Absage an das Beschleunigungsprogramm für England, Dänemark und Norwegen den Weg zur EWG geebnet hat.

Walter Hallstein hat nun bald zwei Amtsperioden als Präsident der Europäischen Kommission hinter sich. Auch wenn er im kommenden Januar nicht ein drittes Mal als primus inter pares wirken könnte (eine mehrfache Wiederwahl ist allerdings möglich), so wird man doch kaum fehlgehen, wenn man von dem engagierten Europäer – in welcher Funktion auch immer – noch beachtliche Beiträge zum Aufbau einer tragfähigen europäischen Föderation erwartet. H. R.