Von Robert Jungk

Die zahllosen Lichter einer Stadt vom Fenster der Flugmaschine aus gesehen, kreisender, wirbelnder Sternenstaub, den das Teleskop, Adernetze und Feinstruktuturen, die das Mikroskop entdeckt, die tanzenden, milchigweißen bis violetten Lichtpunkte, die auf den gläsernen Schirmen elektronischer Meßgeräte ihre erratischen Bahnen ziehen, die weißgrünen Lichtkurven im quadratischen Gitterwerk von Oszilloskopen – welch Reichtum an Schönheit bietet die Wirklichkeit der von den Wissenschaftlern und Ingenieuren erschlossenen "neuesten" Welt! Erst wenige Künstler können dies gestalten. Denn welcher Bildhauer oder Maler hat schon Gelegenheit, neuartige Licht- und Farbbrechungen zu sehen, wie sie zum Beispiel in gewissen durch Wasser, abgeschirmten Kernreaktoren im sogenannten Cherenkow-Effekt entstehen? Wer von ihnen hat je einen Blick auf die zauberischen Röntgenbilder werfen dürfen, welche die Kristallographen aufnehmen?

In diesem neuen Universum neuer Kräfte und neuer Schönheit leben fast ausschließlich Menschen, welche die Phänomene analysieren und messen – kaum solche, die sie bewundern und ästhetisch genießen. Und doch: welche Schätze an ganz neuen künstlerischen Erlebnissen könnte einer aus den Laboratorien zutage fördern, wenn er nur das Auge eines Malers, den Formsinn eines Bildhauers, das Gehör eines Musikers besäße.

Einen solchen "Überläufer" aus der technischen Welt habe ich vor ein paar Tagen entdeckt. Er heißt Frank J. Malina, ist einer der hervorragendsten Raketenfachleute der Welt, doch hat er den amerikanischen Versuchsstätten und Testgeländen den Rücken gekehrt, um in seinem Atelier in Boulogne bei Paris Kunstwerke zu schaffen, die von seiner erfolgreichen Laufbahn als Forscher und Techniker inspiriert sind.

Wer Malinas Studio betritt, sieht sich einer Reihe an der Wand aufgehängter Glaskästen gegenüber, in denen wie in einem Lichtaquarium Schatten, Reflexe und Strahlen miteinander spielen. Das gleitet dahin und blitzt auf und breitet sich aus und wird wieder weggewischt. Es entstehen zweidimensionale Gebilde vor unseren Augen und verschwinden wieder und geben neuen Gebilden Geburt. Wer hinter die Mattscheibe schaut, wird zunächst so desillusioniert wie das Kind, das ein Kaleidoskop aufbricht und statt der schönen Bilder nur ein paar armselige Glassplitter wiederfindet. Er sieht nur rotierende Scheiben, die sich vor einer Lichtquelle bewegen, er findet den kleinen Servomotor, der das ganze betreibt, und die durchsichtige Plastikfolie, die er bewegt.

Der Künstler ist Millionär. Seinen Reichtum verdankt Malina seinen wissenschaftlichen Patenten. Er gehörte mit seinem Lehrer Theodor von Karman zu den Begründern der heute zum Riesenunternehmen angewachsenen Fabrik für Raketenmotoren "Aerojet". Zweihundert Dollar hat er damals als Gesellschaftskapital beigesteuert und dazu noch sein Wissen und seine Experimentierfreude. Malinas "Lichtmusik" wird bald an den Wänden von Wartehallen großer Flughäfen zu finden sein, in den Eingangshallen von Fabriken und Laboratorien. Er plant eine Art moderner "Bauhütte", eine Künstlergemeinschaft, der als Berater auch Mathematiker und Physiker angehören sollen.

Hinter diesen künstlerischen Versuchen spürte ich die Bemühung, mit der starren, ernsten, grimmigen Welt der Technik endlich ein wenig herausfordernd zu spielen, das Zwecklose gerade aus dem Zweckbestimmten zu entwickeln. Noch stärker war dieser Eindruck im Atelier von Nicolas Schöffer, der – ein paar Schritte nur von der Place Clichy entfernt – aus Stanzblechen, Metallrahmen, Spiegeln, elektronischen Sensoren Gebilde von seltsamer Schönheit baut – "eiserne Engel", die tanzen statt zu produzieren. Werke Schöffers sind heute in Museen von Paris, von Südafrika und Südamerika zu finden, sein "kybernetischer Turm", dessen Bewegungen und Rufe je nach dem Licht des Tages wechseln, überrascht, erschreckt und entzückt Besucher des Kongreßgebäudes in Lüttich. Schöffers Geschöpfe fragen Namen wie "Lux", "Chronos", "Cysp". er beschreibt sie in von ihm selbst geschaffener, Begriffen als statiodynamische oder luminodynamische Kunst, pseudowissenschaftliche Namen, die umständlich und häßlich klingen, obwohl sie doch etwas erstaunlich Einfaches beschreiben sollen. Entscheidend auch hier, daß das Kunstwerk zu etwas ständig Wandelbarem in einer Zeit der ständigen Wandlungen geworden ist.