Dieser wuchtige Mann, der seine Umwelt unter schweren Augenlidern forschend anblickt, sieht nicht danach aus, als werde er Kompromisse schließen. Eben erst ist er zum neuen Wehrbeauftragten des Bundestages gewählt worden und hat seinen Schwur mit fester, ruhiger Stimme geleistet. Kein Kommandoton klirrte darin, kein "Programm" schepperte mit. Sagt aber Vizeadmiral Hellmuth Guido Alexander Heye, er werde sich um die Truppe auch durch "überraschend angesetzte" Inspektionen kümmern, so glaubt man ihm gern, daß er seines Amtes nicht nur mit "Volldampf voraus" walten wird –, sondern auch mit jenem unberechenbaren, aber zielsicheren Zickzack-Kurs, den er auf Torpedobooten gelernt hat.

Wir sitzen unter einem alten Seestück in einer sehr kleinen Bundeswohnung in Bad Godesberg. Man sieht es dieser Strohwitwerklause an, daß ihr Bewohner, der eigentlich in der Metzerstraße in Bremen wohnt, die Salzluft der Küste gegen die schwüle Atmosphäre am Rhein nur "dienstlich" vertauscht. Künftig wird er noch mehr als bisher auf Reisen sein. Kein Truppenteil in der Bundesrepublik wird sicher davor sein können, daß der ehemalige Kommandant des Schweren Kreuzers "Admiral Hipper", Befehlshaber der Kleinkampfverbände der Marine und dann Bundestagsabgeordneter der CDU, plötzlich vor einem diensthabenden Offizier steht und sagt: "Ich möchte mal mit der Truppe sprechen."

Über 5000 Beschwerden hat er auf seinem Schreibtisch, zusammengeballt im letzten Jahresbericht seines Vorgängers, vorgefunden. Das soll anders werden. Heye ist gegen Jahresberichte. "Die Beaufsichtigung des Verhältnisses zwischen Truppe und Staat, zwischen Soldaten und Offizieren, ist keine Generalstabsarbeit, die man mit zusammenfassenden Berichten erledigen oder erfassen kann. Man muß immer präsent sein – ‚Fleet in being‘, wie die alte britische Heimatflotte, die durch ihr Dasein, Vorhandensein, ihre Wirkung erzielte. Je weniger der Wehrbeauftragte mit Papier in Erscheinung tritt, desto besser. Präsentsein im Bundestag und Kontakt mit der Truppe ist die Hauptsache."

Kontakt mit der Truppe hatte Vizeadmiral Heye schon immer. "Wenn man auf einem Schiff zusammenwohnt, hat es keinen Zweck, eine Maske anzulegen. Die Männer haben ein feines Gefühl dafür, sie sehen gleich, daß unter einer forschen Maske auch ein schlapper Kerl stecken kann, unter der Tarnung eines Gentleman ein Leuteschinder. Man gibt sich am besten so, wie man ist."

Als er zum Ende des letzten Krieges die Kleinkampfverbände (Kleinst-U-Boote, Einmann-Torpedos und Froschmänner) befehligte – "Es waren nicht nur Pastorentöchter und Musterknaben dabei!" – entwickelte er Grundsätze, die in keinem Handbuch stehen. Wer bei ihm sündigte, "durfte" drei Tage keinen Dienst machen. Er durfte nicht. Man strafte ihn mit Verachtung. Das schmerzte mehr als Arrest.

Gab es aber einmal ausnahmsweise Arrest, so ging der Bestrafte selber und freiwillig in die Zelle – er wurde nicht etwa eskortiert. Der neue Wehrbeauftragte gibt diese Erfahrungen nur zögernd preis, als fürchte er, in ein abstruses Moralisieren zu geraten. Diese Gefahr ist aber gering. Man glaubt ihm, was er sagt. So auch dies: "Ich halte mich an das Wort von Nelson, Soldat sein heiße, ‚im Sinne des Führenden zu handeln, ohne daß man immer einen ausdrücklichen Befehl dazu bekommt‘."

Gegen das Fenster klatscht der Regen, der aus irgendeinem atlantischen Tief kommt. Der Wind heult um die Ecken. Hört man in dieser Wohnung am Rhein auch Taue knarren und Mäste ächzen? Es wäre kein Wunder, wenn sich das Reihenhäuschen rollend in Fahrt setzte. Das Seestück – schwarzblaue Nordsee – brandet in lautlosem, mächtigem Anrollen gegen die Beschauer an.

"Ich mag nur Seestücke, auf denen kein Schiff zu sehen ist", sagt Heye. Er war auf vielen. Nun ist er an Land und er wird es von Backbord und Steuerbord besehen, wie sich da wohl die jungen und alten Soldaten der Bundesrepublik benehmen und fühlen, und was sie vorzubringen haben. Was Pflicht ist, wird er ebenso vertreten, wie was Recht ist. Walter Gong