Ein Gespräch mit dem neuen Bundesfinanzminister

Von Sigmund Chabrowski

Esist Samstagnachmittag. In drei Tagen, am Dienstag, sollen die Minister der vierten Bundesregierung dem Bundestag vorgestellt und feierlich vereidigt werden. Höchste Zeit also für die Kandidaten, sich um den vorgeschriebenen "Urkundenanzug", den Cut, zu kümmern. Ob er schon bereitliege, so fragen wir Dr. Heinz Starke, der uns in seiner Godesberger Abgeordnetenwohnung gegenübersitzt. Ein’Kopfschütteln; er wisse von seiner Berufung zum Bundesfinanzminister nicht mehr, als was in den Zeitungen stehe. Wer es denn wisse? Niemand, vielleicht der Bundeskanzler! "Es fällt mir nicht im Traum ein, am Dienstag mit einem Köfferchen ins Bundeshaus zu gehen, um dann vielleicht fünf Minuten vor Sitzungsbeginn an irgendeinem stillen Örtchen meinen Stresemann mit dem Cut zu vertauschen. Unter Umständen brauchte ich ja mein Köfferchen auch gar nicht auszupacken." Seine charmante Gattin – übrigens eine gebürtige Luxemburgerin –, wagt einen leisen Einwand. Vereidigung ohne Cut? Sie kann sich mit diesem Gedanken offenbar nicht recht vertraut machen.

Warten zermürbt, so heißt es. Doch der Fünfziger Dr. Starke scheint die Ruhe selbst. Die strapaziösen Koalitionskämpfe sind ihm äußerlich nicht anzumerken. Dabei hat er vor drei Wochen noch eine Bandscheibenoperation über sich ergehen lassen müssen. Doch nun geht es schon wieder bergauf. "Auf Schmerzen habe ich noch nie Rücksicht nehmen können, dafür habe ich keine Zeit." Er selbst holt Stühle und Sessel heran. "Sehen Sie, da hat man sich doch gestern den ganzen Tag mit meiner Krankheit beschäftigt. Ist es nicht geradezu rührend, wie man sich um meine körperliche Konstitution sorgt?" Erst ärztliche Atteste konnten diese "Sorgen", hinter denen sich ganz offensichtlich massive politische Widerstände verbargen, zerstreuen. Und da sind wir schon mitten drin – im leidigen Koalitionsgeschäft der vergangenen Wochen.

Auf neuen Bahnen

Wer ihm denn abhold gesonnen ist, so wollen wir wissen, und warum? Dr. Starke will mit der Sprache nicht so recht heraus. Schwamm drüber, viel Feind’, viel Ehr’ – so scheint er zu denken. Wir bohren weiter. Er: "Lesen Sie doch nur einmal nach, was ich über den Kohlenzoll gesagt habe." Daher also weht der Wind. Der Gesellschaftspolitiker regt sich in ihm, das Stichwort "Vermögensbildung" fällt. "Verstehen Sie mich um Gottes willen nicht falsch, ich bin kein Freund einer Vermögensumverteilung nach sozialistischem Muster. Aber ich will die künftige Vermögensbildung in neue Bahnen leiten. Zwischen den Kleinen und Großen der Wirtschaft muß endlich Startgleichheit geschaffen werden. Und Sie müssen mir doch zugeben, daß sie noch lange nicht gegeben ist." Wer wollte es auch bestreiten, daß trotz aller mittelstandspolitischen Beteuerungen die Großen der Wirtschaft immer noch prächtiger gedeihen – und nicht zuletzt dank kräftiger öffentlicher Hilfen in Form von Steuer- und Zollerleichterungen. Man müßte, so fährt Dr. Starke fort, eine unabhängige Kommission zur Überprüfung aller die Konzentration fördernden gesetzlichen – vor allem steuerlichen – Bestimmungen einsetzen. Auf seine Initiative ist diese Idee im Koalitionsvertrag ausdrücklich niedergelegt worden. Aber damit beschäftigt sich doch schon die vom Bundestag eingesetzte Enquetekommission, so werfen wir ein. Der Einwand verfängt nicht; vier Augen sehen eben mehr als zwei.

Dr. Starke ist es um eine Aktivierung der Mittelstandspolitik sehr ernst. Die Selbständigkeit ist für ihn ein um jeden Preis zu erhaltender und zu schützender politischer Wert. Und wenn eine solche Politik nur auf Kosten der Großwirtschaft möglich wäre, so fragen wir – ohne eine Antwort zu erwarten. Kein Zweifel, ein unbequemer Main, und es fehlte denn auch bis zur letzten Minute nicht an Interventionen bestimmter Interessenkreise", die an höchster Bonner Stelle vorgebracht wurden und darauf abzielten, dem Dr. Starke den Weg auf den Sessel des Bundesfinanzministers zu verbauen. Jene, die solcherart gegen Dr. Starke agierten, wußten wohl sehr genau, daß er sein Mittelstandsbewußtsein aus unmittelbarer praktischer Erfahrung gewonnen hat, nicht also nur aus grauer Theorie. Er, der einer traditionsreichen schlesischen Kaufmannsfamilie (Tuchversandhaus) entstammt, begann den Wert selbständiger wirtschaftlichen Betätigung bewußt voll zu erfassen, als er unmittelbar nach dem Krieg in Halle mit den Anfängen sowjetischer Kollektivierungspolitik konfrontiert wurde. Das Intermezzo in Halle, das ihn mit Friedensburg und Zierold-Fritsch zusammenbrachte, war demgemäß nur von kurzer Dauer. Schon 1946 gehörte er zur Wirtschaftsverwaltung der britischen Zone in Minden, an deren Aufbau – "wir standen damals vor einem großen Nichts" –, Dr. Starke maßgeblich mitgewirkt hat. Dann folgten neue Aufgaben in der Verwaltung der Wirtschaft in Frankfurt, die ihn mit Persönlichkeiten wie Agartz, dessen Generalsekretär er war, Nölting und Semler zusammenführten. Ein großzügiger Vertrag, der dem Volljuristen Starke von einem Anwaltsbüro angeboten wurde, hätte seiner Karriere bei der Wirtschaftsverwaltung fast vorzeitig ein Ende gesetzt – wäre nicht Professor Erhard auf dem Plan erschienen, der ihn zum Bleiben bewog. Aus jener Zeit rührt die enge Freundschaft, die Dr. Starke noch heute mit dem Wirtschaftsminister verbindet und die in dessen engster Umgebung und auch andernorts mit unverständlichem Mißtrauen beobachtet wird. Bis 1951 war Starke Angehöriger des Bundeswirtschaftsministeriums, wo er die wirtschaftspolitische Grundsatzabteilung leitete.