Unter günstigem Wind zu segeln wähnten wohl Autor und Verlag, als sie das im Jahre 1942 in New York und 1944 in London erschienene Buch von

Ernst Lothar: "Unter anderer Sonne", Roman des Südtiroler Schicksals; Paul Zsolnay Verlag, Wien; 379 S., 16,50 DM

1961 in deutscher Sprache nochmals herausbrachten. Doch war’s ein Irrtum. Dererlei Haßgesang dürfte kaum mehr ziehen. Um meinen eigenen Eindruck zu überprüfen, habe ich das Buch eigens einigen Südtirolern vorgelegt. Ihre einheitliche Reaktion: alles was recht ist – aber so war’s denn doch nicht.

Wenn das Buch 1942 vielleicht noch die Entschuldigung für sich hatte, es sei da einem emigrierten österreichischen Schriftsteller spontan Herz und Feder durchgegangen und er habe es "um einer höheren Wahrheit willen" mit den wirklichen damaligen Vorgängen in Südtirol nicht so genau genommen, so gilt das heute, aus der Distanz von zwanzig Jahren, nicht mehr: zumindest zu einem gewissen Grad von Objektivität und sachlicher. Genauigkeit mußte sich der Autor bei einer neuen Herausgabe durchringen – und erst recht, wenn er in einem Nachwort aus Wien vom Januar 1961 ausdrücklich betont, die "Chronik einer Minderheit" geschrieben zu haben.

Betrachten wir darum zunächst die historische Kulisse, in die der Chronist seine Romanhandlung – die aber auch keine reine Romanhandlung ist, sondern neben erfundenen Gestalten Leute wie Heydrich leibhaftig auftreten läßt – hineingebaut hat. Es geht um das Jahr 1939/40 – ein wirkliches Schicksalsjahr für Südtirol. Damals wurde zwischen Hitler und Mussolini der berüchtigte Brennerpakt perfekt, der die sofortige Ausweisung aller in Südtirol ansässigen oder anwesenden Ausländer und die systematische Umsiedlung der Südtiroler "in den Großdeutschen Raum" zur Folge haben sollte. Aber in Italien werden die Dinge nie so heiß gegessen, wie sie gekocht sind. Und wären sie wirklich so rigoros vollzogen worden, wie das der Chronist von seinem fernen amerikanischen Schreibtisch. her geschildert hat, gäbe es ja längst keine Südtirolfrage mehr! Was stimmt: daß bei Gelegenheit dieses Paktes etliche politische Unerwünschte, Ausländer und Südtiroler, kurzfristig abgeschoben wurden. Aber keinesfalls, wie Lothar auf Seite 171 behauptet: "Vier Tage vor ihrer Abreise, oder fünf oder sechs, wissen die Tausenden Unerwünschten nur, daß sie nicht wissen, Wohin sie zu reisen haben werden."

Aber gesetzt, es wären wirklich "Tausende" von Ausländern und Südtirolern gewesen, die man derart deportiert hätte: ist das in einer Zeit, wo halb Europa in ähnlicher Weise unter der Willkür seiner Diktatoren litt, als speziell "Südtiroler Schicksal" anzusprechen?

Es gab dieses Südtiroler Schicksal, aber es entwickelte sich gerade aus der Tatsache, daß die Abwanderung keine zwangsweise war, sondern sich jeder einzelne quälende Monate hindurch mit der schweren Entscheidung herumschlagen mußte: geh’ ich oder bleib’ ich. Und wer damals in Südtirol gelebt hat, erinnert sich nur zu gut der Welle von Ratlosigkeit und Erregung, der Fülle der menschlichen Konflikte, die sich damit über das ganze Volk ergoß: wer wurde denn nun zum Verräter am eigenen Volkstum – der, der ging, oder der, der blieb? Einfach hatten es nur die Nazi-Gläubigen, die denn auch mit Ungeduld hinausdrängten – und das waren nicht wenige... Aber niemals wurden, wie der Chronist berichtet, in Südtirol die Menschen bei Nacht und Nebel aus ihren Häusern geholt, in Omnibusse gestopft ("Er hört Weinen. Nacht für Nacht. Es fängt um Mitternacht an, manchmal früher, und endet eine oder zwei Stunden später mit Pfiffen und Eisenbahngeräuschen"), zum Bahnhof gebracht und in verschlossenen Waggons über die Grenze ins Ungewisse befördert, wobei sie auch noch bei der Präfektur das Reisegeld erlegen mußten. Das verwechselt Ernst Lothar mit der Judenverfolgung. Und die vielen Universitätsprofessoren, die ihm – laut beigefügter Danksagung – beim Sammeln des Materials geholfen haben, scheinen es leider auch nicht besser gewußt zu haben.