Als in der vorigen Woche eine sorgfältig zwischen der Berliner Bankenaufsicht und der Bundesbank abgestimmte kurze Mitteilung die Öffentlichkeit über "erhebliche Verluste" der August Thyssen-Bank AG unterrichtete, wurde ein schon seit einiger Zeit schwelender Skandal nach außen bekannt. Kunden und Einleger der Bank waren bereits einige Tage zuvor brieflich dahingehend beruhigt worden, die Verluste würden voll gedeckt. So peinlich ein solches Ereignis nicht nur einer Bank sein muß, so wenig gibt es absolut sichere Vorkehrungen dagegen. Da in diesem Fall die kapitalkräftige Thyssen-Bornemisza-Gruppe Alleinaktionärin des mit 16 Mill. DM AK und 2 Mill. DM Reserven ausgestatteten Institus ist, sind die wirklich arglistig getäuschten Gläubiger ernsthafter Sorgen um ihren Besitz enthoben. Anders mag es bei manchen um den Ruf bestellt sein, wenn erst die Hintergründe des Skandals ans Licht kommen.

Die Bank hat zwar, als sie als erstes ruhendes Berliner Kreditinstitut Anfang 1952 wieder zum Geschäft zugelassen wurde, ihren juristischen Sitz am Gründungsort beibehalten. Ihr Verwaltungssitz war aber seitdem Düsseldorf. Da nur etwa 2 vH des Geschäfts auf Berlin entfielen, war der doppelte Sitz verständlich und einwandfrei. Die drei Vorstandsmitglieder aber residierten ständig am Rhein, überließen die Repräsentation in Berlin zwei Prokuristen und einem Bevollmächtigten und beschränkten sich auf gelegentliche Routinebesuche an der Spree. Wann die Mitglieder des Aufsichtsrates zum letztenmal in dieser Funktion die alte Hauptstadt betreten haben, verliert sich im Dunkel der Unternehmensgeschichte. Nicht wenige Berliner Beobachter meinen, die jetzt fristlos entlassenen Bankangestellten hätten nicht im Traum befürchtet, jemals am Ort ihrer Tätigkeit von den dazu verpflichteten Organen beaufsichtigt zu werden.

Nach bisher lancierter Version hat die Verwaltung selbst die Unregelmäßigkeiten dadurch aufgedeckt, daß sie sich weigerte, "unfeine Papiere mit sauberem Geld zu bezahlen". Schon jetzt sei die "interne" Regelung so sicher, daß schon in der nächsten Bilanz "kein Stäubchen" mehr an die unliebsame Angelegenheit erinnern werde. Bilanztechnisch und finanziell ist das möglich und sicher. Wohl kaum aber dürften bis dahin die von den "unfeinen" Papieren erzeugten Wogen geglättet sein. Denn die bisher einander noch jagenden Berichte und Gerüchte werden die Strafjustiz auf absehbare Zeit beschäftigen.

Die ersten Haftbefehle deuten auf einen Personenkreis, der mindestens zum Teil schon kriminell vorbelastet ist. Berufsbezeichnungen wie "Autohändler" oder "Filmkaufmann" lassen darauf allerdings keine Schlüsse zu, warum sich die Hintermänner ungedeckter, vordatierter und gefälschter Schecks oder Wechsel mit ungewöhnlich kurzen Laufzeiten bedient haben. Dem wahren Sachverhalt scheint näherzukommen, wer sich eines deutschen Handelsschiffes erinnert, das vor einiger Zeit im Mittelmeer von den Franzosen aufgebracht wurde, weil es offenbar nicht nur mit "Berliner Luft" gefüllte Kraftfahrzeuge für Algerien-Touristen geladen hatte.

Daraus erklärt sich das starke politische Interesse, das die in diesen Monaten sonst von der Vorgängen um Ulbrichts Schandmauer strapazierten Berliner dem Skandal entgegenbringen. Sie finden es "unfein", durch kriminelle Elemente in den Ruf zu gelangen, der Boden des freien Teils ihrer Stadt sei ein lohnender Tummel- und Finanzplatz für politische Hasardeure. Sie meinen, die zur Aufsicht gerade eines Berliner Unternehmens verpflichteten Organe und Persönlichkeiten leisteten ihrer Stadt einen schlechten Dienst, wenn sie infolge "anderweitiger Überlastung" oder im Vertrauen an die Routine durch Untätigkeit solche Straftaten begünstigen. Besonders kritische Beobachter Tagen sich sogar, ob die angebliche Unkenntnis über die Vorgänge bei dem Berliner Institut ebenso vollkommen wäre, wenn niemand die Geschäfte der Scheck- und Wechselreiter entdeckt hätte. Sie vertrauen allerdings darauf, daß die schon in dieser Woche anlaufende Prozeßserie von Geschädigten vor dem Landgericht Berlin einiges zur Klärung des Sachverhalts beitragen wird. Dafür gibt es inzwischen weit mehr Interessenten als für die nächste "staubfreie" Bilanz. gns.