Köpenickiade an der Sektorengrenze in Berlin

C. M., Berlin

Es ist schwer, Ulbrichts Machtbereich zu verlassen. Schon am 15. August meldete ein Hauptmann der sowjetzonalen "Volksarmee" seinem höchsten Chef, daß "die Grenzen der DDR nunmehr gesichert sind".

Doch immer wieder gelingt einigen Bewohnern Mitteldeutschlands oder Ostberlins die Flucht. "Dazu gehört verdammt viel Mut", sagte vor kurzem ein junger Vopo, dem der Sprung über die Mauer geglückt war. Doch auch besondere Kaltblütigkeit, kluge Berechnung und Phantasie sind notwendig für ein solches Unternehmen. Und Glück. Es ist ein verzweifeltes Spiel, das hier seit Wochen an der Sektorengrenze gespielt wird: Der Einsatz ist das Leben und der Preis – manchmal – die Freiheit.

"Ich suchte mir einen bestimmten Winkel aus, in dem ich Westberlin erreichen konnte, ohne daß mich die Volkspolizisten so leicht treffen konnten", erzählte ein junges Mädchen. Sie war durch die Spree geschwommen – im Oktober! Ihre besonderen Kenntnisse über günstige Schußwinkel hatte sie bei der "Gesellschaft für Sport und Technik" erhalten, die es sich zur Pflicht macht, selbst Kindern das Schießen beizubringen.

Besonders kaltblütig und doch voller Überlegung handelte ein junges Ehepaar, beide etwa 25 Jahre alt. Für sie wurde der Tag der sowjetischen Oktoberrevolution zu einem wahren "Befreiungstag". Das Ehepaar besaß in Ostberlin ein Auto. Darauf befestigten die beiden einen großen Kranz und fuhren in eine Seitenstraße, die in die Friedrichstraße mündet. Dort warteten sie auf ihre Chance – fast drei Stunden lang. Dann kam ein amerikanischer Omnibus, der Soldaten von einer der üblichen Stadtrundfahrten zurückbrachte.

Der Bus durfte unkontrolliert passieren, der "Wartburg" folgte ihm im Zentimeterabstand durch die Slalomkurven der Sperre. Kurz vor dem weißen Strich, der letzten Grenzmarkierung zwischen Ost und West, wurde ein Vopo mißtrauisch: Er gab das Stopp-Signal! Der Fahrer des "Wartburg" drückte das Gaspedal ganz herunter und preschte vorbei.