Die schweizerischen Effektenbörsen sind seit anfangs September zunächst zögernd, dann immer schneller zu einer neuen Hausse übergegangen.

Der Höhepunkt der Entwicklung war vorher Ende Juni erreicht worden. Der von der Schweizerischen Nationalbank errechnete Gesamtindex war damals bis auf 1067,9 vH (Kurswert in Prozent des einbezahlten Kapitals) geklettert, was gegenüber dem Jahresende 1960 eine Zunahme um 33 vH ausgemacht hatte. Die Industriepapiere waren im ersten Semester sogar um 41 vH auf 1501 vH gestiegen. Besonders favorisiert waren infolge der guten Exportergebnisse und substantieller Kapitalerhöhungen die Maschinen- und Metallwerte, deren Börsenkurse um 55 vH heraufschnellten.

Da die Börsenhausse jedoch im großen und ganzen eine Allgemeinerscheinung ist und die Unterschiede in Bezug auf die einzelnen Branchen und Unternehmungen nicht übermäßig ausgeprägt sind, müssen ihr auch generelle Gründe zugrunde liegen. In erster Linie wirksam war der anhaltend gute Geschäftsgang der schweizerischen Industrie. Die Exportergebnisse liegen um durchschnittlich 10 vH über den Vorjahreswerten. Als zweiter Grund ist die flüssige Verfassung des Schweizerischen Geld- und Kapitalmarktes anzuführen. Die Währungsdiskussion um Pfund und Dollar und die schwelenden politischen Auseinandersetzungen brachten immer neue Geldströme in die Schweiz, die für 1961 bis jetzt auf rund 3 Milliarden Schweizerfranken geschätzt werden. Trotz des Abschlusses eines Gentlemen-Agreement unter den Banken, um die Anlage von Auslandsgeldern in schweizerischen Wertpapieren zu stoppen, fanden diese Mittel und Umwege, um dennoch zum Ziele zu gelangen. Es ist heute ein offenes Geheimnis in schweizerischen Finanzkreisen, daß das Gentlemen-Agreement durchlöchert und ziemlich wirkungslos geworden ist.

Als sich in der zweiten Jahreshälfte der politische Himmel stark bewölkte, konnte das aufgeblähte Kursniveau der Berlinkrise nicht widerstehen. Zahlreiche Positionen waren zudem durch hohe Kredite unhaltbar geworden und mußten liquidiert werden. Bis Ende August ging durchschnittlich die Hälfte der im ersten Semester erzielten Kursgewinne wieder verloren. Wenn der Kurseinbruch nicht stärker aus-

gefallen ist, so vor allem deshalb, weil die genannten Hausse-Faktoren weiter wirken und lediglich von der Weltpolitik zeitweilig überdeckt waren. Als sich zeigte, daß die Drohungen von Chruschtschow – wie schon so oft – nicht so ernst zu nehmen waren, machten sich die Auftriebstendenzen zunächst schüchtern, dann immer stärker Luft. Dazu tritt nun eine im; Gefolge von Preiserhöhungen landwirtschaftlichen Produkte (Brot und Milch) neu aufflackernde Inflationsfurcht, welche den Run auf Sachwerte beschleunigt. Die Indices haben das Ende Juni erreichte Niveau bereits wieder erklommen, wie aus unserer Tabelle zu ersehen ist.

Besonderer Zug ist zur Zeit in Bank-, Versicherungs- und Maschinenaktien zu verspüren. Bei den Großbanken spielt die Spekulation auf höhere Dividenden und interessante Kapitalerhöhungen im nächsten Frühjahr eine Rolle. Versicherungsaktien gelten als zurückgeblieben. Maschinenaktien profitieren von den günstigen Exportergebnissen und der Ausweitung der staatlichen Exportrisikogarantie auf eine 15 jährige Investitionsrisiko-Garantie. Bei den immer in Gunst stehenden Chemietiteln spielen die von Zeit zu Zeit aufflackernden Gerüchte über die Erfindung neuer Mittel (zum Beispiel gegen Krebs und Rheuma) mit. Außerdem gibt es eine ganze Reihe von "special situations", vor allem bei nicht an der Börse notierten Werten.

Sehr zuverlässige Beobachter der Börsenszenerie sind nun aber der Ansicht, daß im Hinblick auf das herannahende Jahresende die Bäume nicht in den Himmel wachsen werden. Das Preisniveau schweizerischer Aktien könnte daher recht bald wieder an einem oberen Plafond anstoßen. Der Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung hält die Kurse für überhöht. Im Hinblick auf die sehr niedrigen Renditen "die in Extremfällen nur noch Promillesätze ausmachen und bloß bei zweitrangigen Titeln über 2 vH liegen, dürften daher vor allem Anwärter auf Kapitalerhöhungen weiter gut im Rennen liegen. Die mit solchen Kapitalerhöhungen verbundenen Bezugsrechte sind sehr beliebt und spielen heute eine ähnliche Rolle wie ehemals die Dividende. Sie werden bei Renditeberechnungen vom Publikum als Einkommensfaktor mitberücksichtigt.

Werner Meyer