R. S., Bonn, im November

Im Bundeskanzleramt und in den politisch interessierten Kreisen Bonns erwartet man von den Besprechungen Dr. Adenauers mit Präsident Kennedy die Beseitigung von Mißverständnissen, Unstimmigkeiten und Meinungsverschiedenheiten, die sich seit einiger Zeit auf beiden Seiten ergeben haben. Ein Vorgang aus den allerletzten Tagen läßt das Datum der Begegnung besonders erwünscht erscheinen.

Es ist die umstrittene Initiative des deutschen Botschafters in Moskau, Dr. Kroll. Man beurteilt sein eigenwilliges Sondierungsgespräch, in dem er persönliche Auffassungen zur Berlin-Frage vorbrachte, in Bonn zunächst mit Skepsis und später mit wachsendem Unwillen, als sich herausstellte, daß die westlichen Verbündeten, zumal die Amerikaner, ärgerlich waren. Der Bundeskanzler rief Kroll telegrafisch zur Berichterstattung nach Bonn. Sein Gespräch mit dem Botschafter scheint allerdings auch andere Aspekte der Unterredung Krolls mit Chruschtschow zutage gefördert zu haben. Man beurteilt nun das Moskauer Gespräch in Bonn offensichtlich milder als vorher. Die Gerüchte, daß Kroll nicht mehr nach Moskau zurückkehren werde, sind verstummt.

Dr. Adenauer wird dem amerikanischen Präsidenten darlegen, daß sich an der großen Linie der Bonner Außenpolitik durch die Hereinnahme der Freien Demokraten in die Regierungskoalition nichts ändern werde. Er wird die Bereitschaft der Bundesrepublik unterstreichen, ihre Verteidigungspflichten gegenüber der NATO in jeder Hinsicht, nicht zuletzt in finanzieller, bis an die ihr zumutbare Grenze zu erfüllen. Man hat in Bonn den Eindruck, daß die in USA vorübergehend aufgeflackerten Erwägungen, der Bundesrepublik einen geringeren Grad an militärischer Sicherheit zuzumuten, inzwischen in Washington einer sehr viel nüchterneren Betrachtung gewichen sind. Der Bundeskanzler, der in Washington als treuer, respektabler militärischer Partner auftreten kann, wird – so glaubt man hier: mit Erfolg –, vor allen Experimenten warnen die darauf hinauslaufen, etwaige sowjetische Zugeständnisse in der Berlin-Frage auf Kosten der Sicherheit Westdeutschlands bezahlen zu wollen.

Der Verhandlungsspielraum des Westens In der Berlin-Frage ist sehr eng. In Bonn glaubt man, daß der hier noch verfügbare Positionsrest durch Festigkeit gehalten werden könnte, durch "Flexibilität" aber mit größter Wahrscheinlichkeit bald verspielt würde. Man hat in Bonn nie einen Hehl daraus gemacht, daß man die öffentliche, zuweilen scheinbar offiziöse Erörterung der vom Westen etwa anzubietenden Konzessionen für nicht sehr glücklich hielt. Vielleicht könnte in dem Washingtoner Gespräch die Frage auftauchen, ob eine Verschlechterung des Berlin-Status durch konkrete Zugeständnisse im Interesse einer späteren Wiedervereinigung in Kauf genommen werden könnte.

Sollte sich bei einer solchen Sondierung herausstellen, und dies nimmt man in Bonn an, daß die Sowjets zu einem solchen Kompromiß nicht bereit sind, so könnten zumindest jene unbeirrbar optimistischen Plänemacher in Washington und auch in der Bunde republik, die da glauben, den Appetit Chruschtschows durch variationsreiche Speisezettel stillen zu können, mit der Wirklichkeit konfrontiert werden. Man weiß natürlich in Bonn, daß dann in Washington die Frage gestellt werden könnte, ob die Bundesrepublik gegebenenfalls bereit ist, die äußersten Konsequenzen mit zu tragen. Aber man ist in Bonn der Ansicht, daß diese Entscheidung uns eher durch Festigkeit als durch Appeasement-Versuche erspart wird.

Es wird also in Washington klar abzugrenzen sein, wieweit die Verbündeten in der Berlin- und in der Deutschland-Frage gehen sollen. Adenauer wird vor jedem Zugeständnis warnen, das den Schein einer diplomatischen Anerkennung der "DDR" herbeizöge. Selbst geringe Zugeständnisse in dieser Richtung könnten nur in Erwägung gezogen werden, wenn ihnen gleichwertige Konzessionen der anderen Seite gegenübergestellt würden. Man hofft in Bonn, daß bei den Washingtoner Gesprächen über die wichtigsten Fragen, die ja im Botschafter-Lenkungsausschuß bereits erörtert wurden und für die dort Lösungen entworfen worden sind, eine Verständigung erzielt werden, wird. Bonn ist sich bei seiner Haltung im wesentlichen der Pariser Zustimmung gewiß.