R. B., Berlin, im November

Gut Gas", sagte der Fahrdienstleiter, und schon starteten wir im Kleinbus, der sechs Lautsprecher auf dem Dach hatte. Ziel war die Sektorengrenze und der Zweck war, mit Lautsprechern das gute demokratische Wort über die Ulbrichtmauer zu bringen. "Gut Gas" hatte der Fahrdienstleiter gesagt, weil die Volkspolizisten darauf mit Tränengaskerzen reagieren. "Weinen für Deutschland" nennen das die Lautsprechermänner vom "Studio am Stacheldraht", wenn sie in die Gaswolken hineingeraten.

Es war eine pechschwarze, regennasse Nacht, als wir vor dem Brandenburger Tor im Geleitschutz eines kleinen Mannschaftswagens mit Schutzpolizisten auffuhren, die mit Maschinenpistolen und auch mit Tränengaskerzen ausgerüstet waren. 100 Meter entfernt leuchtete das Tor im grellen Scheinwerferlicht, bewacht von mißmutig dreinschauenden Volkspolizisten.

Dann begannen die sechs Lautsprecher den Zapfenstreich aus "Verdammt in alle Ewigkeit" mit 150 Watt über die Sektorengrenze zu jagen. Vier bis fünf Kilometer weit reicht der Ton im freien Gelände, weiter noch reicht er durch die Schallkanäle der gegenüberliegenden Straßen. "Wir bringen objektive Nachrichten", sagte unser Lautsprecher, "was nicht im ‚Neuen Deutschland‘ steht". Und dann meldete er Chruschtschows Erklärung zum 44. Jahrestag der Oktoberrevolution, daß er es mit Berlin nicht mehr so eilig habe, erzählte das peinliche Abenteuer von Woroschilow, der zur Festsparade nicht auf die Ehrentribüne am Roten Platz durfte, und verlas eine Erklärung des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, daß der Nervenkrieg gegen die Stadt zusammengebrochen sei.

Und wieder gab es einige Takte Musik, darauf folgte eine Aufklärung für Volksarmisten und Volkspolizisten: es sei falsch, was die Politoffiziere erzählten, daß Angehörige der Volksarmee, wenn sie sich nach dem Westen absetzen, gefoltert, daß sie dem SED-Staat wieder ausgeliefert oder zur Fremdenlegion geschickt würden. Es sei auch an den Haaren herbeigezogen, daß jeder einzelne Volkspolizist, wenn er im Westen was werden wollte, zunächst eine Kaution von 3000 Mark bezahlen müßte. Das Gegenteil sei richtig. Die Behörden unterstützten alle Flüchtlinge nach Kräften.

Zum Schluß kam ein Appell an die Volkspolizisten, Flüchtlinge nicht anzuschießen. "Laßt euch nicht dazu mißbrauchen, Deutsche zu morden! Denkt an Eichmann. Mord bleibt Mord, auch wenn er befohlen wird. Und denkt daran: Ein Schuß kann befohlen werden. Daß er aber auch trifft, kann kein Befehl erzwingen." Bisher gab es acht Tote, die im Stacheldraht blieben oder nach Beschuß im Teltowkanal versanken. Wieviel Hundert Schüsse aber gingen daneben?

15 Minuten dauert der Einsatz. Aber kaum sind fünf bis sechs davon verstrichen, da kommt schon der Lautsprecherwagen der Gegenseite. Auch er stellt sich quer zur Straße, und dann schießen beide Lärm wie Breitseiten gegeneinander ab. Der Sprecher im westlichen Wagen nimmt die Sache mit Humor. Der andere ist für ihn der "Rote Hugo". Er redet ihn an und schenkt ihm das trauliche Du. Gelegentlich spricht er von oben herab, weil die westliche Technik besser ist als die östliche, und im Kampf um die akustischen Wellen das westliche Fabrikat den Sieg davonträgt. "Euer Lautsprecher vom VEB Roter Zinnober schafft es doch nicht. Geht nach Hause und wärmt euch die Füße."