Von Peter Palitzsch

Peter Palitzsch gehörte noch vor kurzem zum Ostberliner Ensemble am Schiffbauerdamm. Vor wenigen Wochen inszenierte er in Ulm den "Prozeß der Jeanne d’Arc" von Brecht. Er hat sich entschlossen, in Westdeutschland zu bleiben.

Bert Brecht ist auch auf der Bühne Geschichtenerzähler. Die "Fabel" ist Ausgangspunkt und Grundlage jeder Inszenierung. Die Fabel möglichst interessant und plastisch, reich und widerspruchsvoll, sozialkritisch und vom Standpunkt der Unterdrückten aus zu erzählen; ist Ziel aller Erfindungen und Bemühungen. Das Arrangement "erzählt" die Fabel. Jede Stellungsveränderung, jeder Gang, jede Geste dient ihr.

Um die Fabel herauszuholen, werden alle Bühnenmöglichkeiten ausgenutzt, alle Schwesternkünste herangezogen: Musik, Song, Vers und Prosa, Dekoration, Kostüm, Requisit, Maske, Pantomime – ja Klamotte und Gag, wenn sie weitertreiben und bereichern, ergänzen und steigern. Herausgearbeitet werden die "Drehpunkte" der Fabel, an der sie in eine andere Qualität umschlägt. Sie sollen auffällig gemacht werden, ja herausfallen aus dem Fluß der anderen Ereignisse, unübersehbar und unüberhörbar.

Hierfür ist Stilbruch erwünscht, ja erforderlich. Das Publikum wird gleichsam einer Schocktherapie unterworfen. Wie bei der Detailbehandlung der Bruch, der möglichst übergangslose Wechsel von einem bestimmten Gestus in einen extrem anderen die Widersprüche aufdecken, betonen soll, so soll hier die neue Qualität durch einen Wechsel des Grundgestus, des ganzen Stils auffällig angezeigt werden. In durchaus poetischer Weise benutzt Brecht zum Beispiel in "Herr Puntila und sein Knecht" die Pantomime des "langen Heimwegs" der vier Frauen von Kurgela, um diese Szene besonders hervortreten zu lassen.

Auf der ersten Bühnenprobe wird nicht selten vom Darsteller "gelernter Text" verlangt. Das erklärt sich zumeist aus der Kürze der Probendauer, betrügt den Regisseur aber um den aufschlußreichsten Teil seiner Zusammenarbeit mit dem Schauspieler, um die "Entdeckung" des Stücks. Es gehört zu den nicht leicht erlernbaren Voraussetzungen des Metiers, daß Regisseur und Schauspieler trotz genauester Kenntnis der Handlung ihr immer wieder mit vollkommener Naivität entgegentreten müssen. Sie müssen völlig abschalten können, der Regisseur, um immer wieder den Zuschauer zu erreichen, der Schauspieler, um sich immer wieder der Stückfigur zu nähern.

Ganz kann diese "Unschuld des Werdens" nur beim Kennenlernen des Stücks walten, im Anfangsstadium des Proben prozesses. Im Probenprozeß hat nun nicht nur der Regisseur den Schauspieler, sondern auch das "Angebot" des Schauspielers fortwährend die Regiekonzeption zu kontrollieren und zu qualifizieren. Ohne diese wechselseitige Befruchtung und Überprüfung ist Regiearbeit Dressurakt, verwirklicht nicht mit lebendigen Menschen, sondern mit Marionetten.