Nur wenige Wochen noch, dann beginnt der "Winter-Zirkus" und lockt die elegante Welt und die Skisportfreunde in die Wintersportmetropolen der Alpenländer. Auf den Abfahrts- und Slalompisten der internationalen Kurorte geht es heute um mehr als um Siege, Wanderpokale oder irgendwelche Titel. Hier wird gleichzeitig eine ökonomische Schlacht geschlagen, deren Generalstäbe von den rivalisierenden Skifabriken, den Fremdenverkehrsbüros und alle jenen Unternehmen kommen, die Ausstattung und Zubehör zu den Skifreuden liefern.

Deshalb ist es schon bei vielen der Skisport-Asse üblich geworden, daß man nicht mehr für sich selbst läuft und siegt, auch nicht mehr für sein Land, sondern für die Firma, die die Bretter liefert, auf denen man steht, für jene neue Bindung oder für diesen Skistiefel, die gerade den Markt erobern sollen. Berühmte Sportler verbringen den Sommer als Angestellte der absatzhungrigen Ski-Industrie in "Ruhestellung". Im Winter werden sie dann von ihren Firmen für die berühmten Rennen freigestellt. Natürlich als Dekor jener Erzeugnisse, die sie fahren oder tragen und die sie up to date machen sollen.

Aber es sieht so aus, als sollte dieser Winter nicht nur eine ski-industrielle Hausse bringen. Fröhliche Urständ feiert auch das eigentlich schon längst vergessene und materiell überspielte nationale Prestige, zumindest an den westlichen Hängen der Alpen, wo nach der römischen olympischen Schlappe der Staatschef de Gaulle die Skiläufer Galliens zu Großtaten im Dienste des Vaterlandes aufgerufen hat.

"Impossible, ce n’est pas français!" hat einmal Napoleon gesagt. Im Schatten dieses großen Wortes treten die Nachfahren des Korsen in diesem Winter an, um die "Winter-Schlacht" des Sports für Frankreich zu gewinnen. Die Chancen sind nicht schlecht! Frankreich kann sich auf seine beste sportliche Legion stützen, an deren Spitze Guy Perillat steht, ein 23jähriger, der auf den Pisten in der letzten Saison schon fast unschlagbar war. Nicht der angeblich schnellste Ski der Welt" (ein Leichtmetallski made in France) war die Ursache dafür, sondern die Kondition dieses jungen Mannes, seine Kühnheit, sich in den Hang hineinzustürzen, und ein neuer Stil, den man den "Froschstil" nennt, der aber weiter gar nichts ist als eine tiefe, aerodynamisch günstige Hocke.

Von Perillat sagt man, er sei der legitime Nachfolger des heute "filmenden" dreifachen österreichischen Olympiasiegers von Cortina, Toni Sailer. Aber in Wirklichkeit hat er diesen bereits längst überflügelt. Auch im Skisport bleibt die Zeit nicht stehen. Zu Perillats Truppe gehören noch Weltklasseläufer wie Bonlieu, Duvillard, Arpin, Lacrois und Viollet, die zum A-Team der Franzosen zählen. Dazu gesellen sich ein B-Team und die ‚Espoirs‘, in die man – wie der Name sagt – die kommenden Cracks steckte. Nur den so charmanten Läuferinnen billigt man in Frankreich keine großen Chancen zu. Trotz der Hoteltöchter Leduc und der blutjungen Madelaine Bochatay, einer Entdeckung des letzten Winters.

Den Auftakt machten die Franzosen mit einem dreiwöchigen Konditionstraining in der staatlichen Sportschule von Aix en Provence. Anschließend gab es Urlaub. Die "Alpinen" tobten sich mit Wasserskiern auf dem Mittelmeer bei Marseille aus. Dann brausten die Jungens mit ihren Sportwagen zur nationalen Skischule in Chamonix, wo sie der neugebaute Mont-Blanc-Lift in die frischen, Schneeflecken der Aiguilles Rouges beförderte.

"Ein wenig Furcht habe ich um die Jungens", sagte Honoré Bonnet, der Kaderchef der Alpinen. "So schnell wie sie mit ihren Sportwagen über die Landstraßen brausen, stürzen sie sich auch in die Rennen. Aber sie haben eine Moral von Erz!" – Die Franzosen bleiben bis Weihnachten auf den klassischen Pisten von Chamonix.