Die Zeiten, da sich die literarischen Anfänger in deutschen Landen mit rauher Stimme zum Worte meldeten und keuchend und stammelnd ihre Unbeholfenheit zur Schau stellten, die mitunter von der wohlwollenden Kritik für jugendliche Unmittelbarkeit oder Originalität gehalten wurde, scheinen, vorerst wenigstens, der Vergangenheit anzugehören. Es besteht kein Anlaß, ihnen nachzutrauern. Daß die heutigen Debütanten, Romanciers zumal, in vielen Fällen Arbeiten vorlegen, die sogleich von einem nicht geringen handwerklichen Können zeugen, muß ohne Vorbehalt als ein erfreuliches Symptom der Gegenwarts literatur gewertet werden. Man sollte sich hüten, die Beherrschung des Metiers, die man schließlich auch vom jungen Autor erwarten darf, mit "glatter Perfektion" und "kalter Routine" zu verwechseln, jenen Schreckgespenstern, die allzu schnell an die Wand gemalt werden.

Reinhard Baumgart, geboren 1929, ist zunächst einmal ein vortrefflicher Handwerker, dessen mannigfaltige Fähigkeiten aufrichtige Bewunderung abnötigen. Die Handlung seines Romans "Der Löwengarten" (Walter-Verlag, Olten, 379 Seiten, 16,80 DM) spielt hier und heute. Von einem Literaten Leo wird erzählt, der für eine Illustrierte die Geschichte einer zwar noch jungen, aber schon fast in Vergessenheit geratenen Filmdiva schreiben soll. Er fragt Menschen aus, die Auskunft über sie erteilen können, er sammelt Material jeglicher Art, und schließlich lernt er sie selber kennen. Wenn man noch verrät, daß er sich in sie verliebt, fordert es die Fairneß, gleich hinzuzufügen, daß die Geschichte dennoch nicht banal ist.

Baumgart vermag die Welt, die er zeigt, tatsächlich sichtbar und greifbar zu machen, weil er sich mit untrüglicher Sicherheit des charakterisierenden Details bedient. Seine vielen (allzu vielen) Schilderungen sind ebenso knapp wie exakt. In den Dialogen hört man kaum einen falschen Ton. Seine Eloquenz ist zwar bedenklich, doch wird sie nur selten von Geschwätzigkeit bedroht. Vor allem aber gelingt es Baumgart, den Leser mit zahllosen Beobachtungen von Alltäglichkeiten zu verblüffen oder zumindest stutzig zu machen. Die einzelnen Episoden sind immer schön abgerundet, die Pointen werden diskret serviert.

In der ersten Hälfte werden auch gute Kontrasteffekte geboten. Nach Kapiteln, die die Atmosphäre in einer Redaktion oder in einem Filmatelier mit Humor vergegenwärtigen, folgen Episoden aus der Vergangenheit der beiden Hauptgestalten. So werden beispielsweise zarte und nachdenkliche Szenen aus einer früheren Ehe des Helden mit Umsicht in der Gegenwartshandlung untergebracht, um als durchaus reizvolle Verzierungen des Ganzen zu dienen. Auch muß gesagt werden, daß man die Komposition niemals als ein aufdringliches Schema empfindet, weil Baumgart viele Kunstgriffe des modernen Romans – zum Unterschied von den meisten deutschen Debütanten – mit einer höchst sympathisch anmutenden Selbstverständlichkeit handhabt.

Alle diese Vorzüge und Qualitäten, so wichtig sie auch sind, können nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Roman "Der Löwengarten" das Ergebnis einer zwar ehrgeizigen, doch fatalen Mischung ist. Wer einen leichten ironischen Unterhaltungsroman anstrebt, der zugleich philosophische Zeitkritik sein soll, läuft Gefahr, in einer epischen Zwischenlandschaft zu landen, die mir nicht recht behagen will. Er riskiert, daß seine Ironie schwerfällig und seine Philosophie oberflächlich wird, daß sein Buch weder wirklich unterhaltend noch wirklich zeitkritisch gerät.

So amüsant Baumgart in der weit besseren ersten Hälfte des Romans erzählt, so sehr ist er von Anfang an bemüht, den Leser zu belehren, hier werde mehr als nur Unterhaltung geboten. Einer seiner Helden teilt mit, er hätte einst die Absicht gehabt, " einen Roman aus diesem Milieu zu schreiben, über Film und Schauspieler. Das allzu Menschliche erscheint hier monströs, wie in einem Spiegelkabinett. An einem Milieu, in dem der Zynismus und der kommerzielle Menschenverschleiß besonders offensichtlich sind, soll also die Fragwürdigkeit unseres Zusammenlebens, zumal des Daseins in der Bundesrepublik demonstriert werden.

Natürlich ist Baumgart viel zu klug, um sich zu einer billigen Karikatur der Welt des Filmbetriebs und der Illustrierten hinreißen zu lassen. Er sieht sie skeptisch und gewiß sehr kritisch, aber doch verständnisvoll. Dennoch fällt es schwer zu übersehen, daß die dargestellte oder angedeutete Anrüchigkeit in seinem Roman immer ein wenig reizvoll und pikant bleibt, und daß seiner übrigens sehr zahmen zeitkritischen Aggressivität doch etwas Selbstgefälligkeit anhaftet. Mit nicht ungraziösen Bewegungen rennt er gegen Türen an, die nie verschlossen waren.