Köln

Wenn man die Bremse tritt, dreht sich dieser Nocken." Der junge Mann zeichnet an der Tafel an, wie sich der Nocken dreht, und fährt fort: "Der Nocken drückt nun die Bremsbacken gegen den Trommelrand. Die Bremswirkung können Sie sich vorstellen..." "Danke", sagt der Dozent und kritisiert: "Wenn Sie nicht nur die Bremstrommel, sondern auch den Reifen gezeigt hätten, dann könnte sich jeder die Bremswirkung besser vorstellen... Für heute reicht es." Die Unterrichtsstunde im "Institut zur Vorbereitung von technischen Fachkräften für die Entwicklungsländer der Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe e.V." ist zu Ende. Ich bin verwirrt.

Es verwirr, der Name, der vom Aktivisten eines östlichen Ministeriums erfunden sein könnte. Es verwirrt die Vorstellung, daß demnächst die Leute am Kongo die Wirkung des Nockens auf die Bremsbacken auswendig lernen müssen. Aber dann erfahre ich, daß es sich um einen Didaktik-Unterricht handelt. Aufgabe: Einem Laien muß ein komplizierter Sachverhalt erklärt werden.

Auf diese Art versucht man im "Theodor-Hürth-Haus" in Köln-Deutz, 25 junge Leute so zu schulen, daß sie im nächsten Februar als Entwicklungshelfer nach Asien, Afrika und Südamerika gehen können. Rund 28 Wochen dauert die Ausbildung. Wenn man genau rechnet, ist es fast die doppelte Zeit: An manchen Tagen haben die jungen Leute ein 16-Stunden-Pensum.

Die Ausbildung – im Rhythmus einer Vier-Tage-Woche – beginnt mit einem Zwei-Monats-Kurs am Bau. Es folgt eine ebenfalls zwei Monate dauernde Ausbildung in den Grundhandwerken: Schlosserei, Automechanik, Elektrotechnik und Tischlerei. Für Schweißerei sowie Straßen- und Brückenbau sind nur Tage, für Schlachterei, Malerei und das Frisierhandwerk nur Stunden vorgesehen.

An den Abenden – je drei Stunden – sowie Freitag und Sonnabend ist Unterricht: Didaktik, Pädagogik, Soziologie, neuere Geschichte und auch die Grundzüge des dialektischen Materialismus werden gelehrt. Jeder der Teilnehmer muß eine der wichtigsten europäischen Fremdsprachen beherrschen: Französisch, Englisch oder Spanisch. Nebenfächer: Erste Hilfe und Tropenhygiene.

"Die Jungen müssen hart arbeiten", sagte mir der Dozent für Soziologie. "Wer aus purer Abenteuerlust gekommen ist, der geht im ersten Monat wieder ab..." Auch die späteren Bedingungen sind hart. Die Schüler müssen sich für einen dreijährigen Aufenthalt in Übersee verpflichten. Sie erhalten nur ein Taschengeld von hundert Mark. Weitere hundert Mark werden als Starthilfe für die Rückkehr auf ein deutsches Sperrkonto überwiesen. Es gibt drei Wochen Urlaub im Jahr, aber keinen Heimaturlaub. Nur drei von vier halten bis zum Kursende durch.