Das Ausschneiden der beiden Felsentempel von Abu Simbel, das Hochstemmen dieser gewaltigen Blöcke in eine Höhe, die über dem Ufer des neuen Stausees liegt, ist eine Aufgabe, die selbst bei unseren technischen Möglichkeiten ein Wagnis bleibt. Um die unschätzbar wertvollen Statuen nicht zu gefährden, dürfen keine Sprengungen stattfinden und an gewissen Stellen nicht einmal Apparate verwendet werden, die auch nur die geringste Vibration erzeugen. Das Heben der 250 000 Tonnen muß mit einer Zartheit geschehen, wie sie noch nie erprobt wurde. Es gibt viele unverantwortliche und doch unausrottbare Gerüchte den Nil hinauf und hinunter: Das ingeniöse Vorhaben von Abu Simbel könnte als Farce oder Disaster enden. Es gibt ernstgemeinte Vorschläge, den Tempel untergehen zu lassen und Unterwasserbesichtigungen mit U-Booten und Taucheranzügen vorzunehmen, das Ganze unterirdisch angestrahlt wie jetzt schon die Pyramiden bei "Song et lumière". Die Bewohner von Wadi Haifa aber, so heißt es, wollen ihre von Lord Kitchener mitten in die Wüste gelegte Stadt nicht verlassen. Ägypten wird dem Sudan nicht die Entschädigung zahlen können, und man rechnet dort jeden kostbaren Baum, jedes Haus und jeden Esel auf. Das große Binnenmeer aber wird vielleicht rechts oder links in der Wüste versickern oder der ganze Nil ins Rote Meer ausbrechen.

Als am frühen Abend abrupt die ägyptische Finsternis hereinbricht und die Siedlungen zu beiden Seiten des Flusses in Totenstille und Dunkelheit daliegen, nur selten durch ein Feuerchen vor einer Hütte erhellt, kriechen die Gedanken heran, daß es noch beängstigend früh für solch gewagte technischen Experimente ist und daß Nasser Angst haben muß, wie er. seine großangelegten Projekte mit dieser in der Mehrheit dahindämmernden, seit tausend Jahren in Apathie lebenden. Bevölkerung ausführen will. Was dieses Land wie ganz Afrika braucht, ist Zeit und eine langsame Anpassung der neuen Entwicklung an alte Sitten. Noch immer nimmt die Armut in diesem tragisch übervölkerten Land ständig mit dem Überfluß an Geburten zu.

*

Das Schiff, ist bei Abu Simbel angekommen. Ein Scheinwerfer sucht den Haupttempel, mit den Ramses-Kolossen. Da ist auch der Tempel der Nefertari, den der große Ramses für seine vergötterte Königin und die Göttin Hathor bauen ließ. Eine Planke fällt klatschend ins Wasser. Die ausländischen Touristen streben von Bord, Deutsche vor allem. Das für Bildungsreisen bekannte Unternehmen Dr. Tigges führte im letzten Jahre diese Nilfahrt in den Sudan ein. Der Leiter der Reisegruppe wird auf dieser ersten Fahrt der Wintersaison 1961 in allen Städten und Dörfern wie ein Glücksbringer nach Landessitte geküßt. Eine 40köpfige Studentengruppe ist dabei. Schweizer, Österreicher, Amerikaner, Franzosen. Woche um Woche kommen trotz der strapaziösen, langen Reise mehr und mehr Europäer hier herauf, um die gerühmten, altägyptischen Kunstschätze zu sehen, ehe das große Wasser sie bedroht.

Die Touristen springen von den Barken auf das Hauptschiff, stolpern über die Fellachen, das einfache Volk, das zu dieser späten Abendstunde längst überall auf den Schiffsplanken schläft: große Familien wie Sardinen zusammengefaltet, in der gleichen Weise, wie sie zu Hause in den Lehmhütten schlafen. Die Moslemfrauen hinter Gittern. Für sie bedeutet Abu Simbel nichts.

Wir rutschen im Sand. Die Beleuchtung reicht nicht aus. Aber in dem vagen Licht ist der Eindruck überwältigend. Die Kolosse erscheinen, anders als manche römischen Kolossalwerke, nicht barbarisch, sondern mit Geist erfüllt, heiter, harmonisch in Maß und Proportion. Die in den Sandstein gekratzten Inschriften griechischer, römischer Söldner und späterer europäischer Besucher sind unkenntlich, dieses Symptom mangelnder Kinderstube, das aber von der modernen Wissenschaft als nicht zu unterschätzender epigraphischer und militärgeschichtlicher Bedeutung freudig begrüßt wird. So deutet die Inschrift Fürst Pückler-Muskaus auf der Brust der 3. Sitzstatue darauf hin, daß bei seinem Besuch der Tempel fast ganz versandet war. Erst Johann Ludwig Burckhardt hatte ihn im Jahre 1813 wiederentdeckt.

Im Innern des Tempels, in dem die 200 Touristen zwar Platz finden, aber in dem Gedränge kaum eine Übersicht und erst recht keine Einsicht oder stillen Genuß gewinnen, brennen spärlich elektrische Lampen, die von einem Dieselmotor gespeist werden. Wir tauchen in köstliche Sandsteinfarben von Rosa bis zu dunklem Siena. Unerhörtes haben die ägyptischen Steinmetzen hier geleistet vor mehr als 3200 Jahren, fünfzig Kilometer nördlich der zweiten Nilschwelle, nahe der heutigen Grenze zum Sudan. Vorbei an acht Osirisstatuen mit dem Gesicht von Ramses gelangt man in das Allerheiligste zu jenen vier Figuren, vor denen nicht nur durch unsere Vertrautheit mit ägyptischer Kunst durch Abbildungen, sondern auch durch die Nähe zu unserer zeitgenössischen Plastik sowohl das Vergnügen an Zeugnissen längst versunkener Lebenskreise, das Staunen vor geheimnisvollen kostbaren Dingen, wie reiner Kunstgenuß zu seinem Recht kommen. Die Bewunderung ist auch groß für die technischen Berechnungen und den feinen Sinn der Erbauer dieses Tempels. Denn jeden Morgen gibt es einen Augenblick in diesem Felsenraum, wo durch die hohe Tür ein Lichtstrahl in dieses dunkle Sanktuarium auf die drei Figuren fällt, die den König Ramses als Gott zwischen den Göttern Amon und Re-Harakhte darstellen. Niemals aber fällt das Licht auf die vierte Figur, Ptah, den Gott der Unterwelt. So dient der mächtige König mit diesem Sonnenheiligtum den Göttern und demonstrierte dem unterworfenen Nubien, dieser Goldkammer des alten Ägypten, seine Macht.