Die Stimme des Menschen in Briefen und Aufzeichnungen aus der ganzen Welt

Von Walter Jens

Nebel und sehr früher Schnee, Milchwolken und der Schlamm auf den herbstlichen Blättern. Allerseelen-Lämpchen und Glysanthin in den Kühlern: man hält den Atem an und beschwört, ein wenig verschämt, den Festtagen folgend, die Trauer, die Buße, den Tod. Halb sentimental, halb pathetisch gedenkt man der beinernen Trias, lauscht den Radio-Stimmen – Ruhm und Vermächtnis ... auf daß ihr leben dürft ... und niemals vergessen –, richtet sich ein mit seiner Melancholie, möchte sie bald nicht mehr missen ... und täte doch besser daran, die Dinge zu sehn, wie sie sind, und den Tod anzuschaun, wie er ist: ohne Herbstlaub, Schminke und zärtliche Trauer:

"Über den Lichtern von Hiroshima sieht man bei Nacht in der flimmernden Glut der Neonlampen am Himmel die suchenden, entstellten Brüder, wie züngelnde Flammen in einem Tunnel, Ihre Füße und ihre Hände zeigen offene Wunden, an denen das Feuer leckt. Zuletzt spaltet sich das Gehirn, die Milchstraße brennt und stürzt zusammen. Feuerrosen, blaue Funken, Wirbel des Orkans, einstimmig aufschreiende FinsternisGroll, Reue, Entrüstung, Haß, Flehen, Fluch und Wehgeschrei, alles Stöhnen steigt, die Erde bannend, hinauf in diesen Himmel. Stumme Flammen fließen überall, in London aufbrennendes Hiroshima, in New York explodierendes Hiroshima, in Moskau durchsichtig glühendes Hiroshima, wortloser Tanz, über die ganze Welt verbreitet..."

Ist so der Tod: laut und grell, ein Bote des Wahnsinns, dessen Gesicht einer Hieronymus-Bosch-Fratze gleicht, während seine Hände Flammenglieder und seine Gelenke Schrei-Klappen sind? Oder ist er sanft und traurig: in seinem Elend nicht durch expressionistische Hymnen, sondern allein durch die schlichte Beschreibung erfaßbar?

"Nichts hat mich stärker ergriffen als die Verwundung eines jungen Freiwilligen. Ich habe meinen Bruder sterben sehen, während ich, der neben ihm stand, am Leben bleiben durfte; ich habe das zerschossene Gesicht meines jüngsten Vetters gesehen, und ich habe es ertragen, und vieles mehr. Aber ein junger Nyländer lag neben mir in einer der Furchen, als es anfing, Granaten zu regnen. Es war unmöglich, nicht getroffen zu werden, und ich fühlte einen brennenden Schmerz in der einen Achsel. Der junge Nyländer schaute mich an. ,Verwundet?’ fragte er leise. Noch einmal sah er mich mit tiefem Verständnis an, bis ein Granatsplitter seinem Leben ein Ende machte. Erst hinterher merkte ich, daß er schon viel früher verwundet worden war und die Beine schon nicht mehr bewegen konnte. Ohne ein Wort war er sich bewußt gewesen, dem sicheren Tod entgegenzugehen, und, als mein Arm verwundet wurde, wußte er, daß ich ihm von dort nicht mehr forthelfen konnte. Aber ich hörte kein Wort der Klage, nur ein tiefes Verständnis für meinen zerfetzten Arm."

Der grelle und der sanfte Tod, der japanische Tod im Kleid der Vision und der Tod an der finnischen Front, der nackt und elendig ist der Tod in jedem Fall beherrscht ein Buch, das gerade deshalb, weil es das Tabu der Tabus nicht verleugnet, so menschlich und wahrhaftig, als ein von Ernst und tiefer Heiterkeit bestimmtes Andachtsbuch erscheint: