Von Hans Gresmann

McCarthy lebt nicht mehr. Dieser wütende Kommunistenjäger, der ein paar Jahre lang (etwa von 1952 bis 1954) mit seinen bösen Anschuldigungen ganz Washington terrorisier: hatte, war, als er 1957 an einem Leberleiden verschied, politisch schon längst ein toter Mann. Jener Wahn, der sich mit seinem Namen verband, war – von nur wenigen betrauert – schon vor dem Senator sanft entschlafen.

Amerika, wo von Anbeginn seiner Geschichte die Toleranz viel und der engstirnige Dogmatismus wenig galt, hatte sich nach heftigen und quälenden Fieberschauern von der politischen Infektion des McCarthyismus wieder befreit. Und nun, da die gefährliche Krankheit überstanden war, erschien es immun gegen alle Rückfälle.

Dies jedenfalls war bis vor kurzem die recht einhellige Beurteilung aller der Leute, die sich in der politischen Landschaft zwischen New York und San Franzisko ein wenig auskennen. Einer Wiederbelebung des blindwütigen und doktrinären Rechtsextremismus, wie ihn der besessene Senator McCarthy vertreten hatte, wurden wenig Chancen gegeben.

Das hat sich nun seit kurzem geändert, seit jenem Zeitpunkt nämlich, da die politische Palette in Amerika durch einen neuen, grellen Farbtupfen weniger bereichert als erweitert worden ist: durch die John Birch Society. Diese Gesellschaft mit dem recht mysteriösen, aber einprägsamen Namen wurde vor zwei Jahren durch den ehemaligen Bonbonfabrikanten Robert Welch ins Leben gerufen. Der Stammsitz des bei aller Publicity-Sucht doch recht augenfällig zur Geheimbündelei neigenden Unternehmens ist der Bostoner Vorort Belmont, der von der Harvard-Universität nur ein paar Kilometer entfernt liegt. Das Einfluß- und Rekrutierungsgebiet der Gesellschaft hingegen erstreckt sich vornehmlich über den Süden, den Südwesten und den Westen des Landes. Es gibt, so versichert Mr. Welch, bisher etwa 60 000 Mitglieder. Sie zahlen einen Jahresbeitrag von 100 Mark (Frauen die Hälfte) und sind organisiert in Zellen von zehn bis zwölf Personen

McCarthy war sozusagen eine Ein-Mann-Partei. Er hatte Anhänger, aber er hatte keine organisierte Bewegung. Macht und Einfluß, die dieser militante Senator eine Zeitlang in Washington ausübte, gingen allein von dem Mann selber aus. Sein gefürchtetes Kampfinstrument waren seine Reden und Schriften.

Robert Welch dagegen tritt als öffentliche Figur nur wenig in Erscheinung. Sein Generalstabsplan zielt darauf hin, zunächst einen verzweigten, wohlgegliederten Verband im Land aufzubauen. Noch ist der Einfluß der John Birch Society in Washington gleich Null, was denn auch schon viele Stimmen zu der beruhigenden Feststellung veranlaßt hat, dieser neue Verein der Radikalinskis nehme sich liliputanerhaft, ja, lächerlich aus, verglichen mit dem weiland so mächtigen McCarthyismus. Wobei nun allerdings die Tatsache nicht so recht berücksichtigt wird, daß diese Liliputaner schon jetzt etwas besitzen, was dem Senator fehlte und was schließlich ausschlaggebend sein mag für jeglichen Erfolg in der modernen politischen Wirklichkeit: eine verläßliche Organisation.