Ende Oktober schon wollte die UNESCO in Paris bekanntgeben, ob von den Ländern der Erde die 80 Millionen Dollar aufgebracht werden, mit denen der oberägyptische Felsentempel Abu Simbel (und der Nefertari-Tempel) durch den phantasievollen und ingeniösen Plan italienischer Techniker davor gerettet werden sollte, mit Nubien in einem Binnenmeer unterzugehen. Dieses Meer wird durch den neuen Staudamm bei Assuan entstehen. Vier Millionen Dollar hat der amerikanische Kongreß kürzlich bewilligt, doch die Pariser Erfolgsmeldung läßt auf sich warten. Der Appell an das Weltgewissen hat in den bedrohten Gebieten Ägyptens und des Sudan immerhin eine fieberhafte Aktivität der Ägyptologen hervorgerufen und zahlreiche Rettungsaktionen eingeleitet. Nur – ob Abu Simbel vor den Fluten gerettet werden kann, ist noch ungewiß. Bei den letzten Beratungen wurde den Mitgliedstaaten der UNESCO nun eine weitere Frist bis November 1962 zugestanden, die endgültige Höhe ihrer Stiftungen bekanntzugeben. Vorher können die Rettungsarbeiten an den Felsentempeln nicht begonnen werden. Zunächst wurde von den schon vorhandenen Geldern ein weiterer Beitrag von 1 600 000 Dollar für die nächsten Vorarbeiten an dem gigantischen Hebungswerk bereitgestellt. Ebenso wird noch zu einem späteren Termin zu klären sein, ob der große Betrag aufzubringen ist, der nötig wird, um den berühmten Isis-Tempel von Philae, der bisher jährlich über neun Monate in dem Stausee des alten Dammes verschwand, durch einen Schutzwall gegen die stärkere Strömung des neuen Stausees zu sichern.

Das unförmige alte Postschiff mit seinen drei angehängten, zweistöckigen Barken schleicht langsam den Nil hinauf nach Wadi Haifa – wie eine Riesenschildkröte mit ihren Jungen auf dem Marsch. Zwischen Schellal – nahe Assuan – und der sudanesischen Grenzstadt ist der Fluß die einzige Verbindung, wenn man nicht noch sehr viel mehr Zeit hat und mit einer Auto- oder Kamelkarawane den Weg durch die Wüste sucht. Hier in Nubien wird es den Fremden aus Ländern, in denen man sich von einem Ort nach allen Richtungen entfernen kann, bestürzend deutlich, daß es am Nil, in der großen Oase Ägypten, nur die Hauptrichtung von Norden nach Süden, von Süden nach Norden gibt. Alle anderen Unternehmungen führen sofort in die Wüste.

In der Höhe des neuen Staudamms Sadd-el-Aali, des Hochdamms, wie der arabische Name sagt, stehen die Granit-Felsenberge, die die Wüste abgrenzen, ganz dicht beieinander. Der Fruchtlandstreifen hat aufgehört. Auf dem Schiff herrscht Bewegung, als wir die Stelle des neuen Damms – etwa elf Kilometer von Assuan und dem alten Damm entfernt – passieren. Doch ist außer ein paar weißen Markierungen an den Felsen, ein paar Erdverschiebungen und dem an einem Abgrund aufragenden Denkmal mit der Gründungsinschrift nichts zu sehen in dieser Nachmittagsstunde bei 35 Grad im Schatten.

Am Abend zuvor hatte mich der ägyptische Chefingenieur, der mir den Stand der Arbeiten zeigen wollte, im russischen "Wolga" zuerst vor diesen schwarzen Dioritstein gefahren, der in den dekorativen goldenen Zeichen der arabischen Schrift Nasser als den großen Schirmherrn dieses Dammes preist. Die Art, wie der Ingenieur von den Arbeiten berichtete, erweckte trotz des sanften, ironischen Lächelns, das. vielen Ägyptern in der Unterhaltung mit Europäern eigen ist, den Eindruck, als ob die großen Pyramiden nicht mit glühenderem Glauben an eine religiöse Sendung oder einer größeren Gewißheit, damit nationale Größe zu gewinnen, gebaut worden sind wie dieser Hochdamm. In dem brodelnden, gärenden Land am Nil werden alle Hoffnungen auf diesen Damm gesetzt. Der Damm soll durch Bewässerung von Wüstengebiet die Anbaufläche Ägyptens um ein Drittel vergrößern, die unkontrollierten gefährlichen Überschwemmungen sollen aufhören, und eine große Steigerung billiger elektrischer Kraft soll die notwendige industrielle Entwicklung vorantreiben. Die Zeiten mögen hart sein – und eben ist erst wieder eine Welle der Enteignung durch das Land gegangen, die das große ehrgeizige Aufbauprojekt und den Staatssozialismus fördern soll –, aber Geduld, der Damm wächst!

Gemischt mit Propaganda und wahren Gefühlen ist die Erinnerung, wie die Amerikaner und Engländer ihre finanzielle Hilfe zurücknahmen, Nasser gegen die Wand trieben und ihn zwangen, die Unterstützung der Russen anzunehmen. Doch in Ägypten ist man nicht besonders russenfreundlich. "Die Russen sind so brutal", das ist die allgemeine Meinung unter dieser Bevölkerung mit einer mehr als 5000jährigen Geschichte und Kultur. Wie sehr die Kairoer Regierung sich bemüht, die Russen auf ihre freiwillige und selbstlose Entwicklungshilfe zu beschränken und jeden politischen Einfluß auszuschalten, geht aus dem Assuan-Damm-Abkommen hervor; dort ist in einem Passus, der bei jeder Gelegenheit stark betont wird, neben der Harmonie und herzlichen Atmosphäre der Zusammenarbeit auch die Gleichberechtigung und Selbständigkeit Ägyptens festgelegt.

Auch auf dem Gelände des Staudammes selbst wird ägyptischer Stolz demonstriert. Bei nächtlichen Erdarbeiten im dichten Kristallstaub, den die unförmigen russischen Krane, Bagger und Schlepper im Scheinwerferlicht aufwirbelten, tappte ich mit dem Ingenieur zu dem großen Modellhaus am Ende des riesenhaften Geländes mit erleuchteten Baracken, Erdwällen und der glimmenden Öffnung eines Führungstunnels. Seit ich in Ägypten war, kämpfte ich einen ungleichen Kampf mit diesem Staub. Ich zog meinen Nylonschleier über das Gesicht, der Ingenieur lächelte wiederum, und wir stolperten atemlos weiter. Vor dem Häuschen mit einem Bretterverschlag, das das inzwischen durch neue Pläne überholte Modell des Sadd-el-Aali unter einem künstlichen Sternenhimmel beherbergte, mußte ich im Kerzenlicht eine rote Steinfigur bewundern; sie stellt den großen Ägypter Amenemhat III. aus dem Fayum dar, der hier, von einem Künstler des Mittleren Reiches für uns sichtbar gemacht, am Eingang demonstrierte, daß es Ägypter waren, die nicht nur den geometrischen Steinbau und vieles mehr der Menschheit schenkten, sondern auch schon über Dämme und Wasserregulierung nachgedacht hatten. Amenemhat III. aus der genialen XII. Dynastie des Mittleren Reiches (1900 v. Chr.) hatte durch ein ausgeklügeltes System den See Karoun mit Memphis und dem Nil verbunden.

Die 180 Russen, die inzwischen schon in Assuan angekommen sind und die Arbeiten leiten, haben nach außen hin, vor allem den Westeuropäern gegenüber, ein ernstes, undurchsichtiges Gebaren. Solange die für sie im Bau befindlichen Häuser in dem neuen Stadtteil von Assuan noch nicht fertig sind, wohnen sie im Grand Hotel. Spätnachts hörte ich sie am Nil sehnsüchtige Lieder von der Wolga singen ...