Es ist schwer, schon jetzt — drei Monate nach dem 13. August — die wirtschaftliche Bilanz der jüngsten Ereignisse in und um Berlin zu ziehen. Reisende aus Westdeutschland und dem westlichen Ausland, die In den letzten Wochen die Stadt an der Spree besuchten und darüber in Zeitungen und Gesprächen berichtet haben, glauben einen gewissen Wandel in der "Stimmung" bemerkt zu haben. In der Tat, es ist so: die Stimmung in Berlin Ist schlechter geworden, was aber nun nicht bedeutet "daß sie schlecht ist.

Weniger der Schock der Mauer als vielmehr das Gerede von den notwendigen Konzessionen in <3en "nicht elementaren" Fragen, das Drum und Dran der Bonner Regierungsbildung und die damit verbundene allzu lange Handlungsunfähigkeit 3er Legislative und der Exekutive haben in Berlin ein Gefühl der Unsicherheit über den künftigen Status der Stadt erzeugt, das allenthalben ia einer wachen Skepsis spürbar ist. Mehr nicht, aber eben auch nicht weniger. Und solange dieses Gefühl der Unsicherheit nicht beseitigt ist — bis hinunter zu dem Mann auf der Straße, und besonders da —, sind natürlich auch alle Maßnahmen haldfest materieller Natur, die schon beschlossen sind oder demnächst noch beschlossen werden, auf Said gebaut. Für die Berliner war der Besuch Citys — und seine demonstrativen Spaziergänge im Ostsektor der Stadt — zunächst wichtiger als die halbe Milliarde aus Bonn — Nur dies und soviel zu dem Faktor Stimmung". Denn so eminent wichtig er auch für die Beurteilung der wirtschaftlichen Situation nach dem 13. August ist, so sehr entzieht er sich einer einigermaßen verläßlichen Feststellung. Die Zufälligkeit, der die Erforschung von "Stimmungen" schon von seilen des jeweiligen Gesprächspartners, seines Temperaments und seiner augenblicklichen Laune ausgesetzt ist, läßt es geraten erscheinen, mit dramatisierenden Verallgemeinetungen vorsichtig zu sein. Es gibt eben auch unter den ; Berlinern, wie überall in der Welt, Leute nr it guten (erstaunlich guten) Nerven, und solche — wen kann es wundern —, deren Nerven den Belastungen der letzten Monate nicht mehr ganz gewachsen sind. Jedenfalls betritt man festeren Boden, wenn man sich den greifbaren Realitäten zuwendet; allerdings ist das Bild auch hier zur Zei: noch nicht so klar, wie es vom Standpunkt des Chronisten aus wünschenswert wäre.

Wer nach Berlin fährt, um sich an Or; und Stelle über die Lage zu orientieren, nimmt mit sich einen Packen von Informationen, die an der Meinungsbörse Westdeutschlands über und unter dem Tisch gehandelt werden und die sich unter dem Sammelnamen "Absetzbewegung aus Westberlin" etikettieren lassen. Da ist also die Rede — und überall in "Westdeutschland, wo man jemand auf dieses Thema anspricht, kann man es hinter der hohlen Hand hören — von den Menschen, die nach dem 13. August in Massen aus Westberlin abwandern, von den Villen, die einschließlid Einrichtung zu einem Spottpreis angeboten werden, von den Speditionsfirmen, die bis zum Frühjahr nächsten Jahres ausverkauft sind, von den Sparkonten, die! nach Westdeutschland abgezogen werden und anderes dergleichen mehr. Was ist die Wahrheit? Wir werden sie, zusammengefaßt in hieb- und stichfesten Zahlen, erst in einigen Monaten wissen. Aber schon jetzt läßt sich jede dieser Pänikmeldungen (die ostzonale Agitation in Presse, Funk und Fernsehen trägt hier wahrlich ihre Früchte) mit einem Kommentar versehen, der sie zum mindesten in einem anderen Licht erscheinen läßt. Nach überschlägigen Berechnungen, des Berliner Senats waren von den nach dem 13. August flüchtlinge (für die meisten Flüchtlinge war Berlin seit jeher nur eine Durchgangsstation), 30 vH Rentner (kein substantieller Verlust für. Berlin) und nur 20 vH waren berufstätige, Westberliner, Der Abwanderung stand eine Zuwanderung, gegenüber, die in den letzten Wochen erheblich zugenommen hat. Andererseits geht die Zahl "der Umzüge aus Westberlin ins Bundesgebiet, die Anfang September erheblich zunahm, seit Anfang Oktober merklich zurück. In der Zeit von Mitte August bis Mitte Oktober überstieg die Zahl der Fortzüge aus Berlin die Zahl der Zuzüge um rund 7000 Personen. In der gleichen Zeit des Vorjahres betrug der Wanderungsverlust 5000 Personen. ® Bei den in Berlin angebotenen Villenbämern handelt es sich zum großen Teil um. Objekte, für die heute — nach dem Ausfall des Heeres von Zugehfrauen aus dem Ostsektor der Stadt — noch nicht einmal das notwendige Personal zur Reinund Instandhaltung zu mobilisieren ist. Dem Angebot steht auch heute immer noch eine unbe; friedigte Nachfrage nach geeigneten. Objekten ge- genüber.

, Stichproben der Berliner Industrie- und Hani delskammer bei Berliner Speditionsfirmen haben ! ergeben, daß Transportraum nach "Westdeutschhaben ist, aber in durchaus angemessenen Fristen. ; Nach einer Erklärung, die der Berliner Regierende Bürgermeister vor wenigen Tagen abgab, ihat sich das Spareinlagengesckäft, nach vorüber; gehender Beunruhigung, wieder" normalisiert. Im September wurden 20 Millionen DM Einlagen, im ! Oktober 22 Millionen Spareinlagen registriert. Die ; Auszahlungen, haben nur zwei Drittel, der Summe , erreicht, "die nach der ersten Berlin Krise, im November 1958, aus der Stadt abgezogen wurde. ; Außerdem liegen noch die folgenden Zahlen vor: Im August 1961 waren die Umsätze der Westberliner Industrie um 12 vH höher als im August 1960, die Industrieproduktion zeigt eine Steigerungsrate von 5 5 vH. Der Auftragseingang iwar ;im August genau so groß wie im Juli, während : in Westdeutschland ein saisonaler Rückgang von 3 vH zu verzeichnen war. Von August auf September stieg der Auftragsindex von 277 auf 289 Punkte. Die Produktions- und Auftragssteigerung, so wird vom Berliner Senat versichert — Zahlen liegen z. Z. noch nicht vor — hielt auch im Oktober und in der ersten Hälfte des November an . Aber noch einmal: Was in Berlin nach Errichtung der Mauer wirklich passiert ist, werden wir erst in einiger Zeit wissen. Bis dahin sollte man die Lage dieser schwergeprüften Stadt nicht durch die unbedachte Weitergabe unkontrollierter und im Augenblick auch noch gar nicht zu kontrollierenden Gerüchten unnötig und zusätzlich erschweren. Auch nach dem ersten Angriff Chruschtschows auf Berlin, nach seiner ultimativ befristeten For: derüng auf "eine Änderung des "Berlin Status im November 1958, waren erst aus der Distanz die eigentlichen, Fakten zu übersehen. Auch, damals wurde über Berlin, dies und jenes erzählt — im Grunde" sind 1 es die gleichen Geschichten, die jetzt wifeder in etwas abgeänderter Form und in größerer Lautstärke von Mund zu Mund gehen — und dann kamen die Zählen -die so ganz anders aussahen und an denen nicht zu rütteln war , Damalsvor drei Jahren, im November 1958, Ist von den:, Sowjets kein, Einbruch in die wirt schaftliche Aufwärtsentwicklung der Stadt erzielt worden (siehe" die graphischen Darstellungen). Das Jahr 1959, das Jahr nach der ersten Bedrohung Berlins, war sogar das beste in der ganzen Nachkriegsgeschichte der Stadt. Berlin, das bis dahin die psychische und materielle Last einer hohen Arbeitslosigkeit zu tragen hatte, ist ausgerechnet in diesem Krisenjahr in die Vollbeschäftigung hineingewachsen. Allein ein einziger flüchtiger Blick auf die Auftragskurve der Westberliner Industrie — der harte Knick nach oben in den Monaten der ersten großen Belastungsprobe — zeigt die aufbäumende Lebenskraft der Stadt ebenso wie die Solidarität der in dieser Beziehung sonst so viel gelästerten westdeutschen Unternehmer, die mit einer Welle spontaner Aufträge der Stadt unter die Arme griffen.

Es ist gut, sich gerade jetzt, in den Wochen und Monaten des zweiten Chruschtschow Schlages auf Berlin, daran zu erinnern, was damals möglich war — wenn auch das gleiche demonstrative Schauspiel nicht wiederholbar ist. Die Probleme der Stadt sind andere geworden.

stellation. Sie hat Bestehendes nur verhärtet. render, aber auch "reinigender" Wirkung sich niemand entziehen kann, der aus der Etappe in diese Stadt an der Front kommt, wirtschaftlich hat sie konfrontiert uns mit der Tatsache, die statistisch schon seit Jahren auf uns zukommt, nun eben aber auch, nach dem schlagartigen Ausfall von 60 000 Grenzgängern aus dem Ostsektor der Stadt, die im Westen der Stadt ihrer Arbeit nachgingen, mit den Händen für jeden zu greifen ist, der auch nur zwei oder drei Tage dort ist: Berlin Das hat nichts oder nur wenig mit der Abwanderung zu tun, von der jetzt an den Stammtischen soviel die Rede ist. Aus Berlin sind auch in normalen Zeiten Woche für Woche und Jahr um Jahr Menschen fortgezogen; aber es sind eben auch Menschen zugezogen, und zwar mehr als die Stadt verließen. Berlin konnte sich nie aus sich selbst heraus regenerieren. Es war immer auf den Blutstrom von außen, auf einen Wanderungsgewinn, angewiesen. Sonst wäre Berlin nie die Stadt geworden, die sie geworden ist. Die Mauer hat diesen Zugang, soweit er aus dem Osten kam, unmöglich gemacht. Nun ist der Westen dran, und das sind nun ganz eindeutig wir; in diesem Fall können uns weder die Amerikaner, noch die Engländer, noch die Franzosen helfen. Das ist eine rein innerdeutsche Angelegenheit.

Das Alarmierende der Westberliner Bevölkerungsstatistik (siehe Tabelle riebst Text) — märt muß sie aufmerksam lesen — ist noch nicht einmal so sehr die Tatsache, daß die Gesamtemwohrierzahl seit 1958 leicht rückläufig ist. Beunruhigender und wirklich besorgniserregend ist die vergrößernde Mißverhältnis zwischen der arbeitenden und nichtarbeitenden Bevölkerung und der langfristige Aspekt, der sich daraus für die wirtschaftliche Substanz der Stadt ergibt. Nach Berechnungen des Berliner Instituts für Wirtschaftsforschung wird die Überalterung der Berliner Bevölkerung — nachdem durch den Gewaltakt vom 13. August der hauptsächlich aus Ostflüchtlingen rekrutierte Wanderungsgewinn entfallen ist — rein demographisch bis zum Jahre jetzigen Bevölkerungsstruktur braucht Berlin einen jährlichen Wanderungsüberschuß von etwa 20 000 Menschen, um sein Potential auch nur zu halten. Das also sind die Fakten, und das ist das Problem, mit dem wir uns nun auseinandersetzen müssen. Es ist ein anderes und zugleich schwerer zu lösendes Problem als jenes, vor das sich die westdeutsche Wirtschaft vor drei Jahren gestellt sah und das sie dann ja auch einigermaßen bravourös gelöst hat. Damals waren es die Aufträge — de Hochkonjunktur hat nachgeholfen —, jetzt sind es die Aufträge und die Arbeitskräfte, die den Weg nach Berlin nehmen müssen, wenn Berlin wirtschaftlich gehalten werden soll. Und der Markt der Arbeitskräfte, qualifizierter. Arbeitskräfte, ist seit Jahren in Westdeutschland ausverkauft. Aber das Investieren in Berlin, ermuntert durch vielerlei Vergünstigungen — die happigen steuerlichen Präferenzen haben Berlin inzwischen zu einem der attraktivsten Standorte in der ganzen Welt gemacht — wird sinnlos, wenn die Menschen fehlen, die die investierten Maschinen bedienen. Die Aufgabe ist klar, eine Lösung wird, so oder so, gefunden werden müssen. Bisher ist ein zusammengefaßter zweiter Berlin Plan, als die spezifisch deutsche Antwort auf die Herausforderung der Mauer, erst in kümmerlichen Umrissen erkennbar. Die 500 Millionen aus Bonn — Erstattung der Umzugskosten für nach Berlin übersiedelnde Fachkräfte, jährliches Urlaubsgeld für jeden Berlin Einwohner (die Berliner nennen das "Zitterprämie"), verstärkter Wohnungsbau usw. — sind ja wohl auch erst als ein Anfang gedacht, dem die eigentlichen "Taten" erst folgen sollen. Und auch darüber muß Klarheit herrschen: Alle materiellen Anreize zur Übersiedlung nach Berlin oder wenigstens zur vorübergehenden Arbeitsaufnahme in Berlin im Rahmen eines "BerlinJahres" werden ohne die gewünschte Wirkung bleiben, wenn dahinter nur der Staat steht. Es bedarf des zusammengefaßten Appels der UnternehAktion die notwendige moralische Stütze zu geben. Auf die Sozialpartner wartet hier, jenseits von dem Streit um Löhne und Preise, eine schöne, große und wahrlich zeitgemäße Aufgabe. Es ist eine vielleicht nicht so bald wiederkommende Gelegenheit, ohne Ressentiments sich an den gemeinsamen. Tisch zu setzen. Die Berliner warten darauf!