Von Irene Zander

Wer noch nicht gewußt hatte, was "piropeo" heißt, konnte es von E. N. Rogers, einem der bekanntesten Architekten Italiens hören: piropeo ist der südamerikanische Ausdruck für die Kombination von Flirt, Klatsch und Bummel auf öffentlichen Plätzen. Rogers erwähnte dies 1949 in Bergamo, wo sich die großen Architekten unserer Zeit getroffen hatten, um über das Herz der Stadt zu sprechen. Das Herz: zum erstenmal wurde ein organischer Begriff zum Thema eines Architektenkongresses erhoben. Organismus und Bau, Herz und Stein: das eine bedeutet Leben, das andere Form.

Mit Formproblemen hatten sich die Architekten in den ersten Jahrzehnten des Neuen Bauens zwangsläufig auseinandersetzen müssen, wobei man allmählich vom einzelnen Bauwerk zur Planung neuer Viertel und Städte fortschritt. An irgendeinem Punkt dieser Entwicklung entwich aus den Bauten das Leben. Die neuen Siedlungen waren von gähnender Langeweile erfüllt; das Herz der Stadt schlug nicht mehr.

Die Suche nach der lebendigen Stadt führte die in Bergamo versammelten Architekten in die Vergangenheit: Siestudierten das Forum Romanum, die Piazza San Marco in Venedig, Mailands Domplatz.

Rogers analysierte, welche Elemente des Lebens am Mailänder Domplatz zusammentreffen: Dom, Theater, Kunstgalerie, Kinos, Banken, Verwaltungen, Bars, Restaurants und die größte Klatsch- und Flirt-Galleria Europas. Um dieses schon beinahe hektisch schlagende Herz zu entlasten, plante man ein zweites Zentrum in den Außenbezirken Mailands. Der Versuch mißlang, weil die Leute einfach keine Lust hatten, an dem vorgesehenen Platz zu bummeln. Kein piropeo. Und ohne piropeo kein Herz.

Damals in Bergamo schien es, als hätten die Architekten begriffen, wie man einem gebauten Stadtkörper Atem einhaucht. Aber bald zeigte sich, daß zwischen der Erkenntnis überlegener Geister und ihrer Verwirklichung die breite Front der Planer steht – und daß kein Baubeamter es verantwortet, öffentliche Gelder an das lockere Drum und Dran des Lebens zu hängen.

Zehn Jahre nach Bergamo druckte die englische Zeitschrift "Town and Country Planning" einen Bericht über das Leben in der neuen Stadt Crawley, in dem ein verzweifelter Bewohner schrieb: "Wir wohnen in neuen Häusern, aber wir leben in keiner Stadt." Den Planern war es nicht nur mißlungen, in dieser Stadt ein lebendiges Zentrum zu bilden; es fehlte überhaupt jegliche Form von Gemeinsinn und von sozialen Kontakten. Die Bewohner fühlten sich isoliert, von Freundes- und Sippenbanden losgerissen. In ihren Häusern – hübschen Häusern mit drei Schlafzimmern und Garten – lebten die Familien für sich allein. In dieser ersten Phase der Vereinsamung zerbrachen familiäre Bindungen, Frauen verzweifelten, Ehen gingen in die Brüche. "Sind Englands neue Städte Körper ohne Seele?" fragte die Zeitschrift. Körper und Seele, Stein und Herz, Form und Leben – da ist das Thema von Bergamo wieder, diesmal als Hilferuf einer halben Million Menschen, die zum Teil aus den Slums von London gekommen waren und sich jetzt vom "geistigen Slum", von der gähnenden Öde der neuen Städte bedroht fühlten.