Flüchtlinge zählen nach Millionen auf der Welt, und es werden ihrer immer mehr. Der Flüchtling ist nicht immer beliebt, er ist oft unbeliebt. "Diese Flüchtlinge", heißt es oft. Das Problem ist schwierig und vielseitig; mitunter verhilft schon eine kleine innere Wendung zur besseren Einsicht. Da fahren wir, denken wir uns, in einem jener modernen Fernschnellzüge. Mit dem Gegeniber sind wir in ein angeregtes Gespräch gekommen. Die Zeit verfliegt, und nach drei Stunden hält der Zug in einem großen Bahnhof. Es gibt einen lebhaften Wechsel, viele neue Leute steigen ein.

Ein Ehepaar nähert sich unserem Abteil. Der Mann fragt, ob alles besetzt sei, dann nimmt er mit seiner Frau Platz. Die "Eingesessenen" aber sind in solchen Fällen nicht selten ein wenig gereizt, fast unwillig, daß da Leute, die doch eigentlich nicht dazugehören, ihre Rechte auf die freien Sitze so unbefangen in Anspruch nehmen – "wildfremde" Leute...

Drei Stunden später aber, wenn die Zugestiegenen sich dann vielleicht als recht freundliche Laute – ja, sogar als Menschen! – erwiesen haben, sind alle im Abteil eine Gruppe, die unbefangen untereinander plaudert.

"Einheilung" braucht Zeit. Der Flüchtling mag in ein paar Jahren "eingeheilt" sein, es mag Generationen dauern. Die Eingereisten selbst freilich – "zugereist" klingt nicht gut – dürfen aber wohl nicht zuviel Verständnis für ihr Erleben beanspruchen, so sehr es sie ausfüllt, sie. Für den Seßhaften ist es immer schwierig, sich Verfolgung und Vertriebensein lebendig vorzustellen, und er tut es deshalb ungern. Viele Seßhafte von heute indessen sind selbst Nachkommen von Wandernden und Eingewanderten – von Flüchtlingen. Wenn freilich die Ahnen im sechzehnten oder siebzehnten Jahrhundert wanderten, verwendet man das Wort "ursprünglich"; es erzeugt das beruhigende Gefühl grauer Vergangenheit – es war einmal... Meine Familie, sagt man, kommt "ursprünglich" aus Frankreich, aus Spanien, aus ... Aber wirklich, sie kamen vielleicht nicht nur, sie flohen. Aber ’s ist lange her – und die Jetzigen sind so würdig, so stabil...

So mancher Refugee hat dem Gastland viel gegeben, nicht nur, wenn er vielleicht mit viel Geld kam oder nützliche Kenntnisse und technische Fähigkeiten mitbrachte. Mittellose haben viel geben können. Mancher hat ein Beispiel gegeben, und die Gabe eines ermutigenden Beispiels kann eine wertvolle Gabe sein. Vielleicht konnte der Flüchtling zeigen – und so manche haben’s gezeigt –, daß er "nur" einen starken inneren Halt hat. Mit den anderen Halten ist’s sowieso oft so merkwürdig bestellt: Sie bröckeln leicht, wenn man sich zu stark an sie hält, und dann hinterlassen sie Haltlosigkeit. War nicht übrigens Jesus obdachlos und verfolgt? Von Geburt an war sein Leben bedroht. Bei aller Demut aber ist sich dieser Obdachlose nie klein oder entwürdigt vorgekommen – da gab’s kein Stäubchen falscher Bescheidenheit, keine Scham.

Die Vermutung trügt nicht: Ich war selbst ein Flüchtling. An Anfällen von Mutlosigkeit hat’s nicht gefehlt – Heimatlosigkeit erzeugt anfangs leicht Mutlosigkeit. Wenn immer ich aber dann meinen englischen Freunden die Geschichte von den zusteigenden Reisenden auf der Eisenbahn erzählte, wurde mir selbst leichter, vielleicht weil ich Eisenbahnen gern habe. Gern Eisenbahnfahren – was für ein merkwürdiges Vergnügen bei einem Erwachsenen? "A boyish streak" – ein Stich ins Jungenhafte – wird das hier in England genannt.

Mag sein, daß ich niemals so würdevoll, so eulenernst erwachsen geworden bin, wie es eben einem richtigen Erwachsenen zukommt – oder sollte es gar nicht sein? Jedenfalls ist da ein wenig Leichtigkeit, Leichtsinn und wohl auch etwas Lichtsinn geblieben. Weniger Gewicht auf sich zu legen – es täte oft gut. Beim Wandern aber wird Gewichtsverminderung besonders wichtig. Und zum Wandern gehört auch das Auswandern...

G. Spiegler