Die Rechnung des finnischen Staatspräsidenten Urho Kekkonen ist nicht aufgegangen: Drei Monate, so hatte er nach der abrupten Auflösung des Reichstages spekuliert, würde die Atempause dauern, die er zur Beschwichtigung der Sowjets nutzen wollte. Sie dauerte nur drei Tage.

Am 13. November, in den Abendstunden, hatte Kekkonen Neuwahlen für den Februar ausgeschrieben. Die Auflösung des Parlaments sollte Moskau beruhigen und eine Antwort auf dessen Note vom 30. Oktober hinauszögern. Am 16. November aber übergab der russische Vizeaußenminister Vassily Kuznetzow dem finnischen Botschafter Eero A. Wuori eine zweite Note, in der erneut "unaufschiebbare" Beratungen über gemeinsame Aktionen gegen eine angebliche Bedrohung durch die Bundesrepublik und ihre NATO-Partner gefordert wurden.

Wie 1939, vor dem Ausbruch des russisch-finnischen Winterkrieges, wie 1958, als auf Drängen des Kreml die Regierung Fagerholm gestürzt wurde, so haben auch in diesen Tagen die Finnen einsehen müssen, daß Moskaus Uhren schneller laufen als die Helsinkis. Und Kekkonen, der nach dem positiv ausgegangenen Gespräch seines Außenministers Ahti Karjalainen mit Gromyko gehofft hatte, Zeit gewinnen zu können, muß nun selbst in die Sowjetunion fahren; Am Freitag trifft er in der sibirischen Stadt Nowosibirsk mit Chruschtschow zusammen.

Was die Sowjets mit ihren beiden Noten gegen die Finnen im Schilde führen, wird er dort wohl etwas deutlicher erfahren können. Bis dahin aber herrscht unter den Parteien und in den politischen Amtsstuben Helsinkis Ratlosigkeit: Steckt eine verspätete Rache Moskaus für den fehlgeschlagenen Putschversuch der finnischen Kommunisten aus dem Jahr 1948 dahinter, will der Kreml eine "Volksfront" durchsetzen?

Schon die Oktober-Note hatte den skandinavischen Politikern manches Rätsel aufgegeben. Schon damals glaubte keiner von ihnen, daß die Russen tatsächlich mit einer Bonner Aggression im Ostseeraum rechnen.

Ebensowenig trauten die Skandinavier dem Kreml zu, daß er in Finnland seine Koexistenz-Idee so leichtfertig aufs Spiel setzen und Helsinki an die Kette legen würde. Auch wenn sie all diese Vermutungen über die Hintergründe des sowjetischen Vorstoßes aus ihrer Rechnung ausklammerten, blieben noch viele Unbekannte übrig: Die Absicht, Helsinki vom Beitritt in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft abzuhalten, diesem Wurmfortsatz der NATO", wie die Russen sagen; der Plan, die Bildung eines deutsch-dänischen NATO-Oberkommandos zu torpedieren; ein taktisches Manöver, um die Weltöffentlichkeit von Berlin, von der sowjetischen Superbombe abzulenken; schließlich sogar ein bloßer Schachzug, um die finnische Innenpolitik durcheinander zu bringen. Der Versuche die Motive für die beiden Kreml-Noten aufzudecken, ist mittlerweile zu einem Puzzlespiel geworden.

Einen Erfolg kann Moskau immerhin verbuchen: Die Politik im skandinavischen Raum ist in Bewegung geraten. Zumal Kekkonen auf die Vorhaltungen Gromykos eingehen mußte, der vor einem "Rechtskurs" im Reichstag und vor einem antikommunistischen Propagandafeldzug der "Honka-Front" und der Reserveoffizier-Verbände gewarnt hatte. Als Garantie für die Fortsetzung der neutralen Außenpolitik Finnlands bot der Präsident die Neuwahlen an. Doch das Versprechen Gromykos, militärische Beratungen nach Artikel 2 des Beistandspaktes würden dann hinfällig sein, wurde nicht eingehalten.