C.M., Berlin

Viele Jahre hatte Josef Stalin mit ehernem Gesicht vom hohen Sockel aus die Straße betrachtet, die seinen Namen trug. Schulklassen waren mit ihren Lehrern zum Denkmal gezogen, um dem toten Diktator ihre Reverenz zu erweisen. Delegationen der SED hatten an jedem seiner Geburtstage Kränze und Blumen niedergelegt, und die Festredner hatten mit bewegter Stimme vom großen Führer des Kommunismus gesprochen, dem die Menschheit dankbar sein müsse.

Regnerisch und kalt war der frühe Abend im November, als Kräne und Baufahrzeuge vor dem Denkmal auffuhren und viele Vopos vor dem Diktator erschienen. Reden wurden diesmal nicht gehalten. Spitzhacken und Preßlufthämmer hatten das Wort.

Die Volkspolizei hatte die Umgebung abgesperrt. Niemand sollte den Fall des Josef Stalin in Ostberlin miterleben. Der Diktator verschwand auf einem Wagen der "VEB-Spedition".

In aller Heimlichkeit wurden dann noch zu später Stunde die Straßenschilder jener Prachtallee sozialistischer Prägung ausgewechselt: Die ehemalige Stalinallee heißt nun wieder Frankfurter Allee und Karl-Marx-Allee. Den nahen U-Bahnhof taufte man ebenfalls Frankfurter Allee. Dort gab es übrigens die erste Panne. Die Stationsvorstehern rief mit heller Stimme ihre Station aus; "Stalinallee".