R. B., Berlin, im November

Pst, die Vögelchen schlafen", sagte das dreijährige Mädchen und kuschelte sich an die Schulter des Vaters. Es war ganz still im Wald. Der Mann, der mit dem Kind auf dem Arm und der Frau an der Hand durchs Unterholz hastete, hörte nur die eigenen Tritte. Er war ganz gespannte Aufmerksamkeit. Wenige Meter noch, und dann zog das weiße Band der Autobahn durch die Dunkelheit. Es war unweit vom Kontrollpunkt Drewitz, genau da, wo nach dem letzten DDR-Schlagbaum das Straßenstück beginnt, das nach Dreilinden, der westlichen Eingangspforte von Westberlin, führt. Die Arbeiter hatten die Bahn auf beiden Seiten mit Stacheldraht versehen, nur ein paar hundert Meter waren an jenem Tage frei. Dort wollte die Familie durch. Der Mann sprang auf die Straße. Er trug die grüne Uniform der DDR-Zöllner. Ein Pkw hielt. Ein Wink, ein Sprung, Türenschlagen, und schon sauste der Wagen weiter. Drinnen legte das Mädchen den Finger auf den Mund und sagte: "Pst, die Vögelchen schlafen."

Der vierundzwanzigjährige Mann, der dieses Erlebnis erzählte, gehörte zum "Ring um Berlin", der von Zöllnern- Bereitschaftspolizisten und Volksarmisten gebildet wird. Ursprünglich war Westberlin von zwei Formationen bewacht: an der Sektorengrenze, die mitten durch die Stadt führt, standen Bereitschaftspolizisten (unter dem Kommando des Innenministers Maron), und an der Zonengrenze, also der Demarkationslinie, die Westberlin von der DDR-Provinz trennt, Grenzpolizisten. Auch sie unterstehen dem Innenminister. Während die Grenzpolizisten, die anderwo Dienst tun, unter dem Kommando des Verteidigungsministers stehen. Soll das bedeuten, daß die SED Westberlin nur als Polizeiproblem ansieht? Oder vielmehr, daß der Berliner Ring unter ein einheitliches Kommando gestellt sein soll?

Die beiden Bereitschaftspolizei-Formationen, die jetzt den Ring um Berlin bilden, tragen folgende Bezeichnungen: erste Grenzbrigade Basdorf (zuständig für die Sektorengrenze) und die zweite Grenzbrigade Groß-Glienecke, zuständig für die Zonengrenze. Sie waren ursprünglich je 3500 Mann stark. Die Grenzbrigade II in Groß-Glienecke ist jedoch durch vier bis fünf Abteilungen – etwa 1000 Mann – aus der Zone verstärkt worden. Um diese Mannschaften heranzuführen, mußte die Grenzbewachung an der Oder so stark geschwächt werden, daß dort nur noch Brücken und Wehren besetzt sind. Die beiden Grenzbrigaden sind mit Pistolen und Maschinenpistolen russischer Bauart bewaffnet, die aber in Suhl hergestellt werden. Die schwere Abteilung der Bereitschaftspolizei verfügt über Granatwerfer von 8 bis 12 Zentimeter und Feldhaubitzen von 12 bis 15 Zentimeter.

Die Westberliner Sicherheitsorgane, die diese Angaben ermittelt haben, halten diese kleine Streitmacht für relativ ungefährlich: Sie sind nicht in der Lage, eine Offensive gegen Westberlin zu starten. Anders steht es schon mit der in Potsdam stationierten Division der Volksarmee. Es ist eine motorisierte Schützendivision mit drei motorisierten Schützenregimentern, einem Panzerregiment, einem Artillerie- und einem Flakregiment – insgesamt 10 000 Mann. Außerdem sind in der Nähe Berlins noch Einheiten der sowjetischen Streitkräfte stationiert.

Am 13. August, 4 Uhr, gab Minister Maron für den gesamten Berliner Ring Alarmbefehl, Stufe zwei, aus. "Was ist los?" fragten die Männer. "Was soll los sein, Krieg!" antworteten die Feldwebel. Es herrschte panikartige Stimmung. Einige Einheitsführer erhöhten die Alarmstufe und verfügten Gefechtsalarm. Dann begann eine Waffen- und Munitionsausgabe, die eher einer Depot-Plünderung glich. Von der Munition griff sich jeder soviel wie er fassen konnte; unterwegs trafen die Männer andere, in der Nacht herangeführte Einheiten, die untätig auf den Straßen standen und nur den Befehl hatten, ihre Fahrzeuge nicht zu verlassen. Die Neuen warteten 12 Stunden und mehr, während der Einsatz der anderen am ersten Tage 25 Stunden dauerte.

Im übrigen waren die Polizisten nur ungenügend auf ihren "Kampfauftrag" vorbereitet. Die Mannschaften waren über die Anfangsgründe eines "geländemäßigen Benehmens" noch nicht hinweggekommen. Geschossen hatten die wenigsten und wenn, "dann nur", so erzählte ein geflüchteter Grenzpolizist, "um zu probieren, ob die Pistole auch losging". Zu der verworrenen Situation hatte die kommunistische FDJ ein gut Teil beigetragen. Ihr war es gelungen, mit dem "Kampfauftrag der Jugend" sehr viele Freiwillige für Volksarmee, Grenzpolizei und Volkspolizei zu werben. "Die zahlreichen Neuzugänge aber erschwerten die einheitliche Ausbildung der Mannschaften." "Die Situation war dilettantisch wie 1848", meinte einer der Flüchtlinge.