Wollte ich jetzt einen Essay schreiben oder vielleicht etwas "Feuilletonistisches", so böte sich als Titel an: "Wie stehen wir zum Tode?" Aber selbst wenn ich das vorgehabt hätte, müßte mich dieses glatte Ansinnen abschrecken. Der Tod ist nichts, was sich auf den großspurigen Nenner "Wir" bringen ließe. Jeder stirbt allein – auch wenn die Verwandten das Bett umstellen; auch wenn das brennende Flugzeug – "wir freuen uns, Sie im Namen des Kapitän X. begrüßen zu dürfen!" – bis auf den letzten Platz besetzt ist. Es ist ein Merkmal des Todes, daß man ihm nicht mit der Quantität beikommt. Auch wenn Millionen vergast werden: Jeder stirbt höchstpersönlich.

Der Tod leistet hier saubere Arbeit. Er scheidet und unterscheidet. Er anulliert das Kontingent und die Masse. Und darum ist es vielleicht besser, ihm kein Etikett aufzukleben, ihn nicht katalogisieren zu wollen. Besser: ihn einfach anschauen – ihn, der zum Leben gehört, ihn, der auch dem, der ihn oft bedenkt, unvertraut bleibt. Bis er kommt.

Es ist schwierig genug, sich auch nur einigermaßen zurechtzufinden. Zu viele gegensätzliche Bilder geraten ins Fadenkreuz, wenn man den Tod anpeilt. Noch nie gab es soviel Leben, so viele Menschen auf der Erde. Das Stichwort "übervölkert" geistert als Gespenst durch gelehrte Diskussionen. Die Medizin spürt den heimlichen Gründen des Organismus und seinen geheimsten Gefahren mit mikroskopischem Scharfsinn nach. Aber keine Angst: Wenn man den Tod durch die Vordertür hinausdrängt, schleicht er sich durch die Hintertür wieder. ins Haus. Deutschland etwa zählt jährlich zwölf- bis dreizehntausend Verkehrstote. Die Zivilisation züchtet mit eifersüchtiger Sorge ihre eigenen. Krankheiten. Und was die Gewaltlösungen betrifft, so erfindet man neue Superbegriffe, um die Sprengkraft von Bomben noch ausdrücken zu können. In mancher Hinsicht nimmt sich der Sensenmann früherer Jahrhunderte neben dem Tod, der sich zivilisiert gibt, fast wie ein Naturbursche aus.

Nach außen hin hält man den Tod für wenig gesellschaftsfähig. Wer ans Sterben kommt, wird aus dem Horizont geschoben. Ins Krankenhaus. Und wenn es vorbei ist: schnell in den Keller.

Oder man sucht dem Tod anders "das Gesicht" zu nehmen. In Amerika gibt es den Brauch, die Toten noch einmal durch ein Make-up zu verschönern. Dann zieht man ihnen den guten Anzug an und plaziert sie freundlich im Sessel, damit sie "so lebendig wie möglich" aussehen. Denn der Tod paßt nicht so recht in die hygienische Kalkulation einer Wohlstandswelt.

Das hindert jedoch nicht, daß der Tod – und zwar der gemeine, der nackte Tod – zum Unterhaltungsrepertoire unserer Seele gehört. Es ist erregend, ihn in der Nahreportage zwischen dem Sahnekännchen und dem Marmeladenglas auszubreiten. Mit allen Nerven tasten wir ihn ab, wenn er sich auf der flimmernden Leinwand vor uns zusammenbraut. Und sogar Schreckensnachrichten, die den politischen Himmel über uns schwärzen, üben zuweilen einen seltsam prickelnden Reiz auf uns aus: Das, was Friedrich Sieburg "die Lust am Untergang" genannt hat. Ist das nur Neugier? Ist es Sadismus? Ist es Masochismus? Oder hat der verleugnete, verabscheute und doch faszinierende Tod noch andere Dimensionen, die sich nicht so einfach klassifizieren lassen?

Der Tod ist nicht nur Schlußstrich. Er ist auch nicht nur das Tor, das zum Eigentlichen führt. Er ist diesem irdischen Leben tiefer zugetan, als wir meist merken. Er ist der Hintergrund, vor dem sich die farbigsten Erfahrungen des Lebens gestalten – wie erst der Hunger spüren läßt, was wirklich "Brot" ist; wie erst der Durst das Wasser gründlich offenbart. So merken wir erst im Widerschein der Bedrohung, was Leben, wirkliches Leben ist! Das Lächeln – "wenn wir noch einmal davongekommen sind" –, das Lächeln, mit dem einer den anderen abfühlt und wieder in Besitz nimmt: Dieses Lächeln ist gesättigt von dem Wissen, dazusein, tatsächlich "Da-zu-Sein".