Gordon Pirie war ein großer Läufer, der sich zehn Jahre lang "ausgebrannt" hatte. Wie Alle Sportsleute, die Schlagzeilen in der Presse gemacht haben, nahm er sich selbst zu ernst und den Sport zu wichtig und begriff nicht, daß es heute viel wichtigere Dinge gibt als einen Meilenlauf. Exit Pirie! Ein verwelkter Lorbeerkranz wird bleiben, nicht mehr. Daran ändert auch nichts, daß Gordon Pirie jetzt einen Athletenzirkus à la Jack Kramer aufziehen möchte, eine Idee, die er sogar durchsetzen könnte, wenn er das nötige Anfangskapital erhalten würde, auch wenn alle sogenannten Amateursportverbände Zeter und Mordio schreien. Aber das ist nicht das Problem, das der Fall Pirie aufgedeckt hat.

Pirie hat seine "Denkwürdigkeiten" niedergeschrieben, in denen er enthüllen wollte, wie faul die Zustände im Sportstaat Dänemark angeblich sind. Der Autor hat als Scheinamateur gelebt, ohne daß dies seine eigene Sportbehörde gewußt oder der Augurenstall internationaler Sportfunktionäre geahnt haben. In seinem Buch "Running Wild" läuft der "Enthüller" Pirie nun wie ein wildgewordener Berserker Sturm gegen jeden und alles, ohne das Beweismaterial zu liefern. Wer Polemik treiben will, muß den Willen und das Stehvermögen besitzen, sich gegen die Objekte seiner Angriffe behaupten zu können. Pirie hatte eine großartige Gelegenheit, an den Beispielen der regierenden Sportfunktionäre zu zeigen, wie unter der Biedermannsmaske angeblicher Idealisten der Professionalismus der Funktionäre grassiert – und das nicht nur in England.

Trotzdem haben diese Enthüllungen ihren "Wert": Pirie leidet unter den sozialen Vorurteilen, nicht von Geburt an zur Elite, zum "establishmeht" der Klassenstruktur Englands gehört zu haben. Seit frühester Jugend lebte er in der Vorstellung, daß ihm der Aufstieg in eine höhere Schicht versperrt worden sei. So verfolgt er mit seinen aggressiven Vorurteilen gerade diejenigen unter seinen Landsleuten, die entweder auf der Sonnenseite geboren sind oder denen der soziale Anschluß gelang. Dabei ist es interessant, daß er für sich jenen Idealismus in Anspruch nimmt, den er seinen großen Zeitgenossen aus Oxford und Cambridge (Bannister, Chataway, Brasher) abspricht, weil sie frühzeitig "Schluß gemacht" hätten, um sich ihren Berufen zuzuwenden. In seinen Augen wurden sie damit zu Verrätern am Sport.

Es ist Pirie, der "amatörichte" Tatsachen vorspiegelt. Er möchte als der wirkliche Amateur erscheinen, während alle anderen aus seinem Paradies verbannt werden müßten. Mit anderen Worten: Es ist der Sportsmann, der Geld hat oder sich Geld zu verdienen weiß, der sich als Idealist bezeichnen darf. Nur wer im sportlichen Wohlstand lebt, lebt angenehm, weil er nur dann das große Zauberstück vom "Sport als Ideal", unter Abbrennung blendender Feuerwerke, inszenieren darf.

Tatsächlich hat aber die Spitzenklasse beim Zuschauersport einem Bürokratismus den Weg geebnet und Spitzenfunktionäre produziert, die sich materiell ihr Leben mit der immer wiederholten Behauptung zu sichern verstehen, daß sie die Gralshüter sportlicher Moral wären. Pirie macht es deutlich genug, daß der Spitzensport längst nicht mehr eine demokratische Einrichtung sei, sondern zur Diktatur eines Apparates geführt habe, den man auch im Westen in Politik und Wirtschaft antreffen kann. Der Spitzensportler ist nicht mehr Herr seiner eigenen Entscheidungen. Er muß rückhaltlos den Anordnungen seiner Behörden folgen, falls er nicht von der sportlichen Bildfläche verschwinden möchte. Wir wissen aus England, daß sich dort der Verband das Recht anmaßt, zu bestimmen, wer irgendwo an den Start gehen darf. Und bist du nicht willig, so wirst du disqualifiziert!

Neulich wurde ich von meinem alten Berliner Verein gebeten, mich um den Start eines englischen Leichtathleten in Berlin zu bemühen. Ich mußte es ablehnen, weil dies nach den internationalen Bestimmungen der Sportbonzokratie heute verboten ist. Ein paar Auguren in Kassel und in London bestimmen den Start, nicht mehr der aktive Kämpfer selbst oder wenigstens sein Verein. Er ist zum Opfer, zum Objekt einer Sportfunktionären Anmaßung geworden. Das Paradoxe dieser Situation ist aber, daß diese Spitzenfunktionäre nicht etwa die Söhne reicher Väter sind, sondern sich ein nicht unbeträchtliches Einkommen durch Einnahmen aus dem Sport gesichert haben. Nichts ist bezeichnender für diese Heuchelei als die Tatsache, daß nicht wenige der oberen Sportfunktionäre streng genommen Profis sind, die sich anmaßen, über "Kleinstverdiener" zu Gericht zu sitzen. Sie wundern sich dann, daß sie die eigentlichen Totengräber des Amateursports geworden sind. Wer das Monopol besitzt, als erster informiert zu sein, weil er bei wichtigen Beschlüssen selbst mitwirkt, versteht sehr schnell, wie er dieses Monopol finanziell ausnutzen kann.

Das bißchen Wahrheit, die in dem Buche Gordon Piries steckt, betrifft jene Heuchelei, die die Sportfunktionäre aller Länder zu einer unwahren Ethik verführt hat, über die das Publikum, das heute allein die Existenz des Zuschauersports als gewinnbringende Industrie ermöglicht, aber nur noch lacht. Alex Natan